,schon wieder fühlen’

Johannes Bendzulla spürt zeitgeistigen Phänomenen und Bedingungen künstlerischer, meist digitaler Bildproduktion nach und befasst sich mit Erwartungen an Autorschaft und Authentizität, die an Produkte der „Kreativwirtschaft“ im weitesten Sinne gestellt werden. In seinem Arbeitprozess reagiert Bendzulla häufig auf Momente, in denen sich das vermeintlich Freigeistige im Zuge kommerzialisierender Vereinnahmung zur standartisierten Platitüde wandelt.
In der Ausstellung „Schon wieder fühlen“ versammeln sich visuelle Versatzstücke, die abermals den Geist künstlerischer Arbeit heraufbeschwören wollen: Darstellungen von leeren Ausstellungsräumen samt Neonbeleuchtung, Leinwandstoff sowie gemalten und gezeichneten Elementen, die in ihrer Kombinierung als digitale Collage den „Spirit“ individueller Kreativität versprühen wollen. Ein anderes wiederkehrendes Motiv ist das Icon der Farb- oder Künstlerpalette mit Pinsel, welches beispielsweise für klassische Programme wie Paint verwendet wird. Durch die an Tribal-Formen erinnernde Verfremdungen bleibt das Icon einzig am Pinsel erkennbar, während man wiederum in „The Jury“ das Gesicht eines Wesens zu entdecken meint. In den meisten Werken begegnen einem abstrakte, monochrome Farbfelder, bei denen es sich um abgepauste und anschließend eingescannte Farbklekse handelt. Als fester Bestandteil einer mittlerweile gealterten Werbeästhetik will der Farbsplash als solches eine dynamische und künstlerische Botschaft vermitteln: Hier wurde gearbeitet, geschaffen, kreiert. In dem Akt des scheinbar endlosen Kopierens eines immer gleichen Gestus, staffelt Bendzulla die Splashes in „The Pest“ „The hand that feeds“ und ,“The Jury“ zu abstrakten Gebilden zusammen, die bei genauer Betrachtung aus jeweils einer einzigen Form bestehen – während sich zwischen ihnen Tomaten oder Haie tummeln. Ganz im Sinne des effizienten Arbeitens verleiht Bendzulla mit Hilfe von Rendering- und 3D-Programmen den Werken durch Modellierung der plastischen Körper oder einfacher Schattenwürfe ein Mindestmaß an Bildtiefe, den es benötigt, um die Bestandsaufnahme eines ersten prüfenden Blickes zu befriedigen.
Wie in seinen vorherigen Serien verhandelt Bendzulla die Schnittstelle von digitalen, fotografischen und „realen“ Quellenmaterials und dessen reibungslose Vermengung miteinander, was sich mitunter in dem Schein physischer Echtheit äußert. Durch die Verwendung von Büttenpapier bekommen die gedruckten Fasern von Leinwandstoff oder Graupappe einen Trompe-l’œil-artigen Charakter; auch die Strukturen der gescannten und vergrößerten Zeichnungen mit Bleistift und Farbschlieren scheinen verblüffend echt, sodass die Arbeiten stets an der Grenze des Vermeintlichen bleiben.
“Schon wieder fühlen” liest sich einerseits wortwörtlich, als dass die Werke, entgegen der gedruckten Oberfläche, durchaus ein taktiles Gefühl zu vermitteln meinen – oder zumindest so tun als ob. Wie sorgfältig dieser “Schein” aufrechterhalten wird, gipfelt in der Betrachtung der Bildränder, wenn man glaubt, dass die Arbeiten tatsächlich auf einen Keilrahmen gespannt seien. Es genügt für die Wahrung eines ersten Eindrucks, der wie so häufig ein gängiger Modus der Betrachtung ist. Der Blick flaniert nicht, er registriert nur; nimmt Höhen und Tiefen wahr, was genügt, um den Anschein realistischer Nachahmung zu erwecken.
Anderseits meint der Titel gar eine Überforderung dessen auszudrücken, was nicht sofort verstanden werden kann, was nicht vom eigenen Blick gefiltert werden kann. Etwas, was anhält und sich der Austauschbarkeit aus einer anonymen Bildmasse heraus entzieht scheint heute nahezu ungewohnt und irritierend. Denn was im Zuge der Digitalisierung und der ewigen Wiederholung aus einem fließenden Umlauf von Bildern als “Neu“ empfunden wird, ist letztlich ein Euphemismus für das, was gerade zu funktionieren scheint; eine Regung jeglicher Art bedarf es daher eher kaum.

Jonas Schenk