Horizont – 2021
Zweikanal Audio/Video-Installation
Laufzeit: 47:55 min

Horizont entfaltet sich anhand einer Reihe von Objekten und Interventionen, die einander gegenübergestellt werden. Beleuchtet werden diese vom pulsierenden Licht eines über die Bildebene gleitenden Scannerstrahls. Die Sequenzen ziehen horizontal über die Projektionsfläche, während das Licht mechanisch hin und her wandert und eine Reihe von Artefakten beleuchtet.

Horizont ist ein gleichermaßen anthropologisches wie poetisches Unterfangen. Das dem Alltag entnommene Quellenmaterial spiegelt künstlerische und archivarische Impulse wider und greift eine Reihe von Themenkomplexen auf, darunter Ökologie und Zerstörung, Geschichte und Digitalisierung, Gewalt, Fruchtbarkeit, Drogen und Wirtschaft. Mitunter gehen die Eigenheiten der Dinge und ihre Konnotationen – eine brennende Zigarette auf einer Leinwand und eine geleerte Kaffeetasse auf der anderen – affektive, evokative Beziehungen ein. In Arrangements wie dem eines Smileys auf der einen und einer einsamen, sich windenden Made auf der anderen Seite trifft Vitalität auf Vanitas*. Die beiden Bildflächen stehen sich wie in einem Gespräch gegenüber und liefern sich ein semantisches Tauziehen zwischen Sinn und Unsinn, Humor und Ernst, das sowohl die kosmischen Sucher*innen als auch die spekulativen Analytiker*innen in seinen Bann zieht.

Einem Mantra gleich erzeugt die Tonspur einen hypnotischen Puls, der ein polyrhythmisches Raster vorgibt. In dieses können die Betrachtenden eintauchen, sich treiben lassen und zurückkehren, um die Blicke schweifen zu lassen und frei zu assoziieren. Die immersive Erfahrung lässt auch die Aussetzer deutlicher hervortreten, etwa wenn Astali / Peirce sich selbst per Videoanruf von einem auf dem Scanner platzierten Smartphone anrufen und sich neben ihrer Apparatur zu erkennen geben, oder wenn der Scanner sich selbst scannt und ein kaskadenförmiges Bild hervorbringt. Akustische und visuelle Störungen verschmelzen mit Taschenspieler*innentricks und verleihen den intendierten Brüchen mit der Autor*innenenschaft ein Gefühl der Reflexivität, ja sogar der Intimität. Durch diese Störungen scheinen Astali / Peirce zu suggerieren, dass das Selbst einem intuitiveren Verstehen möglicherweise im Wege steht, und sie machen darauf aufmerksam, wie bereitwillig wir Bedeutungen zuschreiben und konstruieren, selbst gegenüber den fragilsten und flüchtigsten Zusammenhängen.

Der Scanner in Horizont dient als Rahmen, Bühne und Plattform für diese intrapsychischen Erkundungen. Er bietet den Künstlern Form und Funktion: ein Ort der bürokratischen, automatisierten Arbeit und ein Ritual. In einer Gesellschaft, die süchtig ist nach der Produktion des Selbst durch sich ständig verändernde Konsumformen, unternimmt Horizont eine umfassende Bestandsaufnahme des Jetzt. Post-mortem, Horizont blickt nach unten und nach außen, rückwärts und nach innen, um unsere kollektive Sichtweise nach vorne zu lenken. In ihrer vielschichtigen Überlagerung von Geschichten und Bedeutungen erstellen Astali / Peirce nicht nur einen Index der mangelhaften Maschine, in der wir uns bewegen, sondern formulieren auch einen Kommentar zu unserer Rolle bei deren Aufrechterhaltung.

* Vanitas: „Eine Vanitas ist ein symbolisches Kunstwerk, das die Vergänglichkeit des Lebens, die Sinnlosigkeit des Vergnügens und die Gewissheit des Todes veranschaulicht, wobei häufig Symbole des Reichtums der Vergänglichkeit und des Todes gegenübergestellt werden. Vanitas-Themen waren in der mittelalterlichen Grabmalkunst weit verbreitet.“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Vanitas, Direktübersetzung)

Isabel Parkes, 2021

Horizont – 2021

2 channel audio/video installation

duration: 47:55 min

Horizont unfolds through a series of juxtapositions of objects and interventions, exposed by the pulsing light of a scanner beam as it glides across the picture plane. Clips are sequenced to pan laterally as the light travels mechanically back and forth, illuminating an array of artefacts.

Horizont is equally an anthropological and poetic pursuit. Its source material reflects artistic and archivist impulses, drawn from the everyday and engaging a range of themes which include ecology and destruction, history and digitization, violence, fertility, drugs and economics. At times, the specificity of things and their connotations – a lit cigarette on one screen and a drained coffee cup the another – slip into affective, evocative relationships. In combinations like a smiley face on the one side and a lonely, writhing maggot on the other, vitality meets vanitas*. The two screens face each other as if in conversation, playing semantic tug of war between sense and nonsense, humour and solemnity, and engaging both the cosmic seeker and the speculative analyst.

Mantra-like, the work’s soundtrack instils a hypnotic pulse that drives a polyrhythmic grid into which viewers can drift and return, observe and associate. Its immersive experience makes the lapses more apparent, too, for example when Astali / Peirce video call themselves from a smartphone placed on the scanner and reveal themselves alongside their rigged machinery, or when the scanner scans itself in a single, cascading image. Audio and visual glitches merge with intentional sleights of hand and inflect disruptions in authorship with a sense of reflexivity, even intimacy. They tease the notion that the self might hinder a more intuitive kind of understanding and also raise questions of how willingly we attribute and construct meaning, even in the most fortuitous and fleeting of constructions.

The scanner in Horizont serves as frame, stage and platform for these intrapsychic explorations. It offers the artists form and function: a site of bureaucratic, automated toil as much as ritual. For a culture addicted to the production of self through ever-changing modes of consumption, Horizont offers a sweeping inventory of the now. Post-mortem, it looks down and out, back and in, in order to cast collective sightlines forward. In their complex layering of histories and meanings, Astali / Peirce deliver both an index of the flawed machine in which we operate and a comment on our role in sustaining it.

 

* vanitas : “A vanitas is a symbolic work of art showing the transience of life, the futility of pleasure, and the certainty of death, often contrasting symbols of wealth and symbols of ephemerality and death. Vanitas themes were common in medieval funerary art.” (https://en.wikipedia.org/wiki/Vanitas)

 

Isabel Parkes, 2021