Emma Talbot ∙ Meditations

Wir freuen uns, im Jahr 2022 das Ausstellungsprogramm mit der ersten Einzelausstellung der britischen Künstlerin Emma Talbot (*1969) zu beginnen. Das Gros der gezeigten Arbeiten wurde bereits  letztes Jahr in Dundee Contemporary Arts, Dundee, Schottland und im Centre Pasquart, Biel, Switzerland ausgestellt. Unsere Präsentation umfasst die für die Künstlerin typischen Seidenmalereien, Zeichnungen, Animationen sowie eine außergewöhnliche 3 dimensionale Arbeit.

 

Zwei Seidenmalereien aus dem Jahr 2021, stehen nicht nur aufgrund ihrer Größe, Signifikanz und Ausstrahlung im Mittelpunkt der Ausstellung. Auf den im Raum oder vor der Wand hängenden Seiden sind Textsegmente in das malerische Geschehen integriert, deren Kern zwei für den Menschen existenzielle Fragen bilden:

 

„Where Do We Come From?”„Woher kommen wir?”

„What Are We?”  – „Was sind wir?

 

Diese Fragen weisen Emma Talbot als schöpferische Facette der klassischen abendländischen Aufklärung aus, wohingegen ihre forcierten Antworten eine Parade vielschichtiger Momente des Scheiterns dieser Aufklärung abhalten. Noch maßgeblicher jedoch ist, dass die Fragen als Kristalle betrachtet werden dürfen, in denen Talbots weltanschaulicher und künstlerischer Kosmos kometenhaft aufleuchtet. Einmal einen reflexiven und empathischen Blickkontakt hergestellt, gerät man schnell in einen faszinierenden Strudel.

 

Privatmythologische, ins Spirituelle changierende, visuelle Verpuppungen stehen engagierten Statements mit hoher gesellschaftlicher Relevanz gegenüber.

Zutiefst verwurzelt in den biografischen Akzenten ihres Lebens, aus diesen wie aus einem Füllhorn bekennendermaßen schöpfend, gehört die Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Herausforderungen ebenso zum Fundus ihres Werkes wie das Austarieren unseres Erbes aus der Ursprungszeit des Menschen.

Die unerlässliche Schwerkraft subjektiven Denkens – versinnlicht in überdimensionierten Kopfsilhouetten, die als ikonografisches Signet ihre Werke pointieren – trifft auf eine Flut von Gefühlen und Empfindungen, deren gegenseitige Sogwirkung einen Strudel entfacht, den sie in ihrer Kunst einzufangen versucht, ohne ihn auch nur im Ansatz zu besänftigen. Und das, obwohl ihre feenhaft ätherischen Gestalten jenseits ihrer pastellenen Beschwingtheit oft genug zu Sendboten werden, deren Menetekel kaum düsterer ausfallen könnten.

 

Dem außerordentlich sedimentierten Aussagespektrum entspricht ein schillerndes Kaleidoskop künstlerischer Ausdrucksformen und -mittel, wobei jedem einzelnen Ferment ein eigener Charakter inne ist. So wird beispielsweise die auf zig Ebenen zelebrierte Opulenz der Seidenmalereien von kleinformatigen Zeichnungen kontrapunktiert, deren sensible Liniengespinste poetische Atolle weben. Ihre Skulpturen beziehen nicht nur unterschiedlichste Materialien, sondern auch zeitlich wie geografisch entlegene Kulturen – wie beispielsweise die keltische – sinnfällig ein. Um an diesem weitverzweigten Reichtum als Betrachter teilhaben zu können, empfiehlt es sich, die Spur dessen aufzunehmen, was praktisch allen Werken gemeinsam ist: Eine sich selbst und die Welt erforschende Reise.

 

Einzelausstellungen der Künstlerin werden in diesem Jahr in der Maramotti Foundation in Italien, in der Whitechapel Gallery in London, UK sowie in der Kunsthalle Gießen, Deutschland zu sehen sein.

 

Emma Talbot ∙ Meditations

We are pleased to commence the 2022 exhibition program with the first solo exhibition by British artist Emma Talbot (*1969). A majority of the exhibited work has already been shown at Dundee Contemporary Arts in Dundee, Scottland, in 2021 and at the Centre Pasquart in Biel, Switzerland. Our presentation comprises an exceptional, three-dimensional work as well as the artist’s characteristic silk paintings, drawings and animations.

 

It is not only by dint of their size, significance and radiance that Two silk paintings from 2020-2021 occupy the center of the exhibition. Text segments have been integrated into the painterly operation on each of the silks. Forming the core of the texts are two of humanity’s existential questions:

 

Where Do We Come From?”„Woher kommen wir?“

“What Are We?”  – „Was sind wir?“

 

These two questions position Emma Talbot as a creative facette of the classical, Western Enlightenment, whereas her forced answers throw a parade of complex moments of this Enlightenment’s failure. Even more crucial, though, is that the questions can be viewed as crystals that illuminate, like meteors, Talbot’s ideological and artistic cosmos. Once met with a reflexive and empathetic eye, one is quickly drawn into a fascinating vortex.

 

Privately mythological, visual pupations that shimmer with spirituality stand in juxtaposition to engaged statements of pressing social relevance.

Deeply rooted in the biographical accents of Talbot’s life, which she draws from like a cornucopia, this examination of contemporary challenges belongs as much to the requisites of her work as it does to the balance of our heritage from the origin of humanity.

The essential gravity of subjective thought—given sensual form through oversized silhouettes of heads that function like iconographic signets of her work—clashes with a flood of feelings and sentiments, whose reciprocal attraction triggers a vortex she seeks to capture in her art without appeasing it in the slightest. This occurs even though her ethereal, fairylike figures often overcome their pastel buoyancy to become emissaries, whose admonishments could hardly be more somber.

 

The exceptionally sedimented spectrum of expression corresponds to a dazzling kaleidoscope of artistic forms and mediums of expression, whereby each individual ferment has its own inner character. For example, the opulence of the silk paintings celebrated on innumerable levels finds its counterpart in the small-format drawings, whose intricate web of lines weave poetic atolls. Her sculptures evidently include not only the most diverse materials but also the most historically and geographically diffuse cultures—like, for example, the Celtic. To take part in this sweeping abundance as a viewer, one would be well advised to trace what is common to virtually every work: an exploratory journey through oneself and the world.

 

The artist’s solo exhibitions will be on view later this year at the Maramotti Foundation in Italy, the Whitechapel Gallery in London, UK and the Kunsthalle Gießen, Germany.