VIKTORIA WEHRMEISTER
ALBUM

20. JANUAR - 10. MÄRZ 2012


Die jüngsten Plastiken der Düsseldorferin Viktoria Wehrmeister belegen augenfällig die Abkehr von der Idee des end- und allgemeingültigen Einzelkunstwerkes hin zu einem Begriff, der das Prozessuale hervorhebt. Einerseits bewegt Wehrmeister sich im Rahmen eines traditionellen Skulpturverständnisses, andererseits zeichnen sich ihre Arbeiten – und hier ist aus gutem Grund von Plastik und nicht von Skulptur die Rede – durch Fragilität und Ambivalenz sowie die Öffnung zum umgebenden Raum aus. Dabei bauen sie ein Spannungsverhältnis zwischen dem plastischem Volumen sowie der Leere auf und stoßen mitunter in nur gedanklich fassbare Dimension vor. Wehrmeisters Vorgehensweise folgt dabei der Erkenntnis, dass die Veranschaulichung dessen, was Plastik auszudrücken vermag, ohne die Rückbindung an mimetische oder narrative Gehalte möglich und notwendig ist. Auf diese Weise fordert sie sowohl die Errungenschaften der Moderne als auch in der Gegenwart wurzelnde Werkbegriffe heraus.

Die kaum abschließend beschreibbare Wirkung ihrer Arbeiten beruht zudem auf der Verwendung simpler und ephemerer Materialien. Dieser Umstand lässt Wehrmeisters Plastiken – zumindest in der Materialauffassung – zunächst der Arte Povera verwandt erscheinen. Denn ungeachtet aller Sensibilität und Fragilität sowie aller denkbarer Quer- und Rückverweise auf bildhauerische Tradition, wird ihr Werk in erster Linie von „armen“ Materialien bestimmt. Diese Kategorisierung greift indes zu kurz, weil sie einen weitaus bedeutsameren Faktor ausblendet: den des Prozessualen. Über eine mehr oder minder tragende Konstruktion, die beispielsweise aus Kartonagen, Drähten und Stäben bestehen kann, legt Wehrmeister Schicht um Schicht Lagen von Gips, die sie meist mit der Hand direkt aufträgt und modelliert. Selbst geglättete Oberflächenzonen können noch die diskrete Spur der manuellen Bearbeitung aufweisen, so dass in diesem Fall von einem im besten Sinne des Wortes „handwerklich“ geprägten Arbeitsprozess gesprochen werden kann. Als eine Folge dieser Art der Materialbehandlung erscheint die Hand als eine mögliche Bezugsgröße, mittels derer die Plastik auf ein am Menschen orientiertes Maß zurückgeführt werden kann. Das heißt auch, dass Wehrmeister eine von allen Realitätsbezügen bereinigte Kunst, die mit autonomem Selbstverständnis daherkommt, fern ist. Die Hand als Organ, mit dem die Wirklichkeit zuerst und im Wortsinne „begriffen“ wird, ist hier Ursprung und Metapher für die Gestaltung und Ausformung einer „Welt“. So haftet den Werken auch nach der Fertigstellung noch die Ahnung des Vorübergehenden an, dessen Spuren in den ebenso flüchtigen wie fragilen Materialien Gips und Papier eingeschrieben und lediglich behutsam fixiert sind. Neben der „bildhaften“ Wirkung der Formmasse spielt vor allem das Licht eine große Rolle. Denn die Beleuchtungsverhältnisse am Standort der Plastik führen zu einer extremen Subjektivierung der Werke und nähert sie in ihrer Oberflächenwirkung bisweilen der Malerei an, was die gegen das statisch-materielle gerichtete Vorgehensweise der Künstlerin nahe legt.

Dieser Ansatz richtet sich also nicht allein auf den Augensinn, sondern ebenso auf das menschliche Reflexionsvermögen. Die in den letzten Jahren entstandene Arbeiten sind der Versuch, genauer zu nehmen, was die Sprache der Plastik bedingt und wozu sie taugt. Viktoria Wehrmeister arbeitet auf eine sehr unmittelbare Weise an den plastischen Grundfragen und Strukturen, die mit dieser Kunstform verbunden sind. Was sie antreibt, ist die Erkundung des plastischen Raumes, seine Verknüpfung mit Bewegung, Zwischenraum, Leere, Volumen und Masse. In dem gleichen Maße rücken die räumliche Gliederung der Arbeiten und die Untersuchung des Verhältnisses der Teile zueinander ins Zentrum der bildnerischen Reflexion. Aus dem Spannungsverhältnis von geschlossenen zu offenen und statischen zu dynamischen Elementen resultiert eine von Werk zu Werk variierende Skala unterschiedlicher Sichtweisen, die das Gebilde je nach Standpunkt des Betrachters als entweder stärker konzentrierte oder eher offene Figuration erscheinen lassen. Darüber hinaus zeichnen die Plastiken sich durch eine zwar „zerdehnte“, dennoch nicht konturlose Oberfläche aus sowie durch eine bewegt-flächenhafte Entfaltung des Materials. Damit ermöglichen sie grundlegende Erfahrungen der Wechselwirkungen von Körper und Raum. Am Ende steht nun nicht mehr die formale Vollendung, sondern die Fixierung des Entstehungsprozess; ein offener Zustand, der Ursprung und Abschluss in der Schwebe hält. In diesem Zusammenhang erscheint es legitim, Viktoria Wehrmeister hier eine enge geistige Verwandtschaft mit jenen Positionen in der zeitgenössischen Plastik zu unterstellen, denen Rosalind E. Krauss bescheinigt: „Der Wandel der Skulptur – von einem statischen, idealisierten Medium zu einem zeitlichen und materiellen ist nun zur Vollendung gelangt.”

Dirk Steimann 2011





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O.T. 2011
50 x 60 x 96 cm; Gips, Wolle, Holz, Jute






O.T. 2011
50 x 30 x 37 cm; Bronze






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O.T. 2011
50 x 60 x 96 cm; Gips, Sprayfarben, Jute






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O.T. 2011
77 x 95 x 103 cm; Gips, Papier, Pappe, Jute






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