[xatt] – Toulu Hassani

Wie eine präzise technische Zeichnung wirkt eine vierteilige Arbeit der Künstlerin Toulu Hassani in ihrer Ausstellung [xatt] in der Petra Rinck Galerie. Feingliedrige, abstrakt-geometrische Formen scheinen hier vor dunklem Hintergrund zu schweben. Unweigerlich beginnt der Betrachtende nach einer Systematik zu suchen, muss jedoch schnell feststellen, dass die Umrisse keiner direkt nachvollziehbaren Logik folgen. Eine konkrete Zuordnung bleibt somit zunächst verwehrt. Was genau sieht man also in diesen rätselhaften Zeichnungen, die die Künstlerin rückseitig in dunkles Epoxidharz gegossen hat? Sind es frei erfundene Linien und Formen? Oder handelt es sich um Grundrisse, Aufrisse oder Querschnitte eines Objekts, eines Areals? Toulu Hassani verwendet hier als Vorlage Auszüge einer Sternkarte und eines Teilverlaufs der Sonne und erschafft so ein Sinnbild für den unstillbaren menschlichen Drang nach Ordnung, Einteilung, Vermessung, kurz: Erkenntnis. Gleichzeitig ist diesem Versuch der vollständigen Erschließung der Welt oder gar des Kosmos ein latentes Scheitern inhärent. Es scheint fast schon absurd, ein sich stetig ausweitendes Universum in einem statischen, zwei-dimensionalen Medium von einem Standpunkt aus kartieren zu wollen, während man selbst Teil des Systems ist.

Und dennoch: Auf der Suche nach einer allem zugrundeliegenden Ordnung wurden und werden zahlreiche beschreibende Darstellungen angefertigt und Modelle entwickelt, die sowohl das Sichtbare als auch das Unsichtbare abbilden und erklären möchten. Dieses Bedürfnis nach Verstehen und Greifbarmachen sowie die daraus resultierenden Theorien und schematischen Zeichnungen faszinieren Toulu Hassani. Es sind vornehmlich kosmische und astrophysische Referenzen, auf die sich Toulu Hassani in ihren neuen Arbeiten bezieht und die Fragen nach Unendlichkeit, Kausalitäten oder Ordnungen in Raum und Zeit aufwerfen. Doch geht es der Künstlerin nicht um eine direkte Übersetzung von wissenschaftlicher Erkenntnis und Theorie in die Sphäre der Kunst. Ihre Arbeiten möchten kein Vehikel anderer Disziplinen sein, indem Wissen lediglich visualisiert wird. Vielmehr erschafft Hassani in ihrer eigenen Formsprache universelle und übertragbare Analogien. Mittels des ihr vertrauten Repertoires aus reduzierten Linien, Farbe und Material entstehen offene Kunstwerke, die weitreichende Assoziationen evozieren. Toulu Hassanis Arbeiten sind stille, poetische Annäherungen an kosmische Gesetzmäßigkeiten, die in all ihrer vermeintlich technisch-mathematischen Konstruiertheit eine unergründliche Sinnlichkeit ausstrahlen.

Auf einem Bronze-ähnlichen Relief ist beispielsweise eine an vergangene Hochkulturen erinnernde Keilschrift zu sehen (geprägt mit einem handelsüblichen Kantholz), die eine Passage aus dem Kapitel „Zeitpfeile“ aus Stephen Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“ wiedergibt. So wie das Medium der Schrift im Verhältnis zum Inhalt hier einen Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart bildet, so verweist die Grundstruktur der Keilschrift mit ihrer Ähnlichkeit zum Zeitpfeil auf ein zeitliches Kontinuum. Dieser Verlauf von Zeit und Richtung ist auch essentiell im Verständnis um ihre Ölarbeiten. Für das Auge kaum fassbar setzen sich unzählige filigrane Striche zu einem geometrisch-ornamentalen Muster auf den Leinwänden zusammen. Vorder- und Hintergrund kehren sich im Wechsel um, vergebens sucht man hier Anfang und Ende. Geplante Wiederholung und strukturelle Variationen treffen in diesen Ölarbeiten auf den gezielten Bruch mit dem vorher konstituierten System – was bis zur vollständigen Auflösung führen kann und die aufgebaute Anordnung in Unordnung münden lässt.

Der abstrakte Titel der Ausstellung [xatt] – der der Lautschrift des doppeldeutigen persischen Wortes für „Linie“ oder „Schrift“ entspricht – greift zum einen das grundlegende stilistische Element in Hassanis Arbeiten auf und verweist zum andern durch die phonetischen Klammern fast beiläufig auf einen Bezugsrahmen – vergleichbar der Arbeitsweise der Künstlerin.

Toulu Hassani studierte zwischen 2005 und 2012 an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig, zuletzt als Meisterschülerin von Walter Dahn. 2014 war sie als Stipendiatin des International Studio & Curatorial Program (ISCP) in New York und wurde 2016 mit dem Sprengel-Preis für Bildende Kunst der Niedersächsischen Sparkassenstiftung ausgezeichnet – in Verbindung mit einer Einzelausstellung. 2017 hatte sie eine Einzelausstellung in der Rudolf-Scharpf Galerie im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. Ab Spätsommer 2019 ist Toulu Hassani in einer Gruppenausstellung zur zeitgenössischen Malerei im Kunstmuseum Bonn, dem Museum Wiesbaden, den Kunstsammlungen Chemnitz-Museum Gunzenhauser und in den Deichtorhallen in Hamburg zu sehen.

Lisa Felicitas Mattheis