Marsha Cottrell’s Handhabung von Computer und Drucker geht weit über den normalen Umgang mit diesen Geräten hinaus. Die Künstlerin baut auf dem Bildschirm mathematisch definierte Linien und Formen mit Hilfe von vektorbasierten Programmen, um sie in unzähligen, aufeinander folgenden Druckvorgängen mittels Laser Drucker zu Papier zu bringen. Dabei wird kein entsprechendes digitales Dokument für die einzelnen, fertigen Bilder gespeichert, stattdessen ist das Papier hier die Leinwand, auf dem sich jede Entscheidung einschreibt. Transparente Schichten von feinem Eisenoxydstaub verschmelzen mittels Hitze und Druck und stehen in einem lebhaften Verhältnis zur feinen Struktur der taktilen Oberfläche des Papiers.
Cottrells selbst entwickelter Prozess bezieht -und steht im Gegensatz dazu- ein analytisches Arbeitsfeld ein, das eigentlich entwickelt wurde um die Produktivität zu beschläunigen und die Quantität zu erhöhen. Durch Marsha Cottrell´s Umgang mit vektorbasierten Informationen kann sie Raum und Licht nutzen um die Arbeiten greifbar zu machen.

Mit der Serie “Apertures” und den architektonisch anmutenden Motiven (mitgeschickte Bilder) lotet Cottrell die vielschichtigen Möglichkeiten des pulvrigen, matt schwarzen Toners aus. Ihre Kompositionen beschäftigen sich mit Körperlosigkeit, sind Reflektion der Abwesenheit von physischer Arbeit innerhalb des Arbeitsprozesses mit Computer und Drucker. Da das Material nicht verbessert werden kann, kann eine falsche Entscheidung die Arbeit ruinieren. Die langsame, konzentrierte Entwicklung des Bildes durch das additive, schrittweise Vorgehen bietet der Künstlerin eine gewisse Sicherheit. Für Cottrell ist dieser verlangsamte Prozess manfestierte Zeit und jede Arbeit ein Dokument dafür.

“Spectral Sun” und ähnliche Arbeiten lassen an Himmelskörper erinnern, fordern jedoch auch eine tiefer liegende Leserichtung. Strahlenförmig zentrierte Linien, glühende Formen erweitern unsere Vorstellung von Raum und ziehen uns gleichzeitig in diesen hinein. Diese Arbeiten zeigen unvorhersehbare mechanische, digitale und menschliche “Fehler”, da der Drucker die verdichteten, zusammengesetzten Dokumente aus skalierten, rotierenden Linien interpretiert. Cottrell sucht tatsächlich nach diesen Stellen, an denen die zusammengefügten Elemente sich ihrer Kontrolle entziehen, dort wo sie mit den Mitteln an deren Grenzen stößt. Zeitbezeichnende Titel verweisen auf die dem Computer inhärente Uhr, die immer läuft und den Zeitpunkt markiert, an dem die Datei an den Drucker gesendet wird.

Neu in Cottrels Arbeit ist die Serie von großformatigen Platindrucken. Bei dieser frühen fotografischen Technik wird ein mit Oxalsäure, Eisen(III)-chlorid und Platinchlorür getränktes und wieder getrocknetes Papier über ein Negativ und durch die Einwirkung von Sonnenstrahlen oder UV-Licht belichtet. Wie auch in den Arbeiten, die mittels Laserdrucker entstehen, kommen durch diese Technik und dem daraus resultierenden Prozess Dinge zusammen, die in scheinbarem Widerspruch stehen. Die mittig ausgerichteten Kreise definieren die Strukturen für ein kameraloses Negativ. Durch die Belichtung mit Sonnenlicht entsteht ein Bild in weichen Tonübergängen und sehr eigenen Tiefen. Eine Ähnlichkeit zum Laserdruck ergibt sich dadurch, dass dort die Informationen auf eine lichtempfindliche Trommel übertragen werden – ein konzeptioneller Link, eine Verbindung zwischen der Technik des 19 Jhd und dem digitalen Zeitalter.