Jörn Stoya
»How Soon Is Now?«

Das mit den Augen liegt nicht fern, es liegt sogar sehr nahe. Es geht um das Sehen, das Erkennen, letztlich um einen Prozess der Wahrnehmung und Erkenntnis, der bei den Arbeiten von Jörn Stoya einem durch das Medium Malerei zu Leibe rückt. Doch schauen wir zuerst vier Jahre zurück: „Augenhintergrund“ hieß seine erste Ausstellung bei Petra Rinck im Jahre 2011, zu der Thomas W. Kuhn schrieb:

Der “Augenhintergrund” ist die hintere Innenwand des Augapfels, auf der eine Reihe physikalischer         Vorgänge ablaufen. In der hier angesiedelten Netzhaut werden Lichtimpulse, die durch Pupille und
Glaskörper fallen, in Nervenimpulse umgewandelt. Und noch vor der weiteren Verarbeitung dieser
Impulse im Gehirn, und einer möglichen Identifikation der sichtbaren Welt, finden hier
erste neurologischen Prozesse interpretativen Charakters und grundsätzlicher Art statt.
Für Jörn Stoya ist dieses empfindliche Organ eine Analogie zu seinen neuen Bildern:
eine externe Retina.

Dies zu den damals aktuellen, noch einem „wilden Raster“ oder einer „geometrischen Chaotik“ verpflichteten Bildern. Seine augenblicklichen Werke heute sind ähnlich dunkel und verzichten ebenfalls auf figurative Motive, dennoch komplett verschieden. Sie entstehen wie vor vier Jahren aus Zeichenkohle ungegenständlich gestisch – als externe, gleichsam haptische Retina – gleichwohl als neue und faszinierende Zutat, bei der etwas dahinter Verborgenes zum Vorschein gekommen ist. Zu dem Aspekt des geheimnisvollen Augen-Hinter­grunds später aber mehr. Das Verborgene schlummerte im Material und in der Form, musste freigelegt und als feinsinnige Beobachtungs-Archäologie ausgegraben werden. In zahlreichen Schichten wird die Kohle auf die Leinwand aufgebracht und verrieben, verwischt und teilweise wieder abgesaugt. Angereichert wird das derart sich immer weiter ausbildende und parallel freigelegte Sinneseindruckgeflecht mit Elementen und Flächen aus Farbpigmenten und Fixativspray. In gleicher Manier entsteht auch die innere Rahmung oder hellere Kante am Bildrand wie ein Negativ der unsichtbaren Lattungskante. Allgemein entsteht der Eindruck eines chemischen Prozesses, eines bisweilen negativen Lichteindrucks wie im analogen Fotolabor, einer Invertierung der Wirklichkeit und mithin eines retinalen, reinen Sehens ohne kognitive Impulse außerhalb des Zeitgeschehens, außerhalb unseres Jetzt, aber zugleich vom Hier, vom Raum und der Gegenwart geprägt. Das Auge ist wahrlich außerhalb unseres Seins und die Bilder behaupten eine Existenz, die sie als zeitlich nicht einordbare Entitäten inmitten des Dickichts von Imaginärem, Symbolischem und Realem aufscheinen lassen. Ein Alptraum des Widerspruchs tut sich vor, in und hinter unseren Augen auf.
Die aktuellen Gemälde betonen die immer schon bei Jörn Stoya angelegte, bewusst unbewusste Auslotung psychologischer Wahrnehmungs- und Gestaltprozesse, das unbedingte Vermeiden von eindeutigen außerbildnerischen Realitätsebenen, es sei denn im Spiegel, ein Verharren im Entgleiten oder ein Festhalten von Tönen (ob Farbe oder Klänge). Das dominierende Schwarz und Grau seiner Gemälde aus der Materialität der Kohle ist die Farbe der Kreativität, des Ursprungs gewissermaßen, aus der dunklen Höhle heraus ist ein Sehen erst möglich. Keine Zeichen und Symbole, keine Figurationen und konkrete Formen erwachsen aus dem spontanen, intuitiven und mitunter gezielt malerischen Prozess verschiedener Arbeitsschritte, sondern die Bildfindung ist das Ergebnis gefühlsmäßiger, aus der Erfahrung des Mach- und Vermeidbaren resultierender Vorgänge. „How Soon is Now?“ fragt jedes Gemälde eingedenk des gleichnamigen Songs von THE SMITHS. Und es sind viele Songtitel oder Bezüge zur Musik, die der Künstler Stoya in seine Bildwelten einfließen lässt. Wie damals das Ohr vor neuen Elegien zuckte, vor dem Weltschmerz Halt und Trost suchte, ist jetzt das Auge weit geöffnet und gebannt von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, gebannt von der Tiefe der Dunkelheit und wolkenverhangenen Kohleschleier über dem symbolisch toten Hintergrund negativer, nur vorgestellter Erscheinungen. Hegels „Nacht der Welt“ schießt mir in den Sinn, ein Bild von Macht und Ohnmacht ohnegleichen, dessen Kraft und Angst Jörn Stoya, ohne es zu kennen, tiefgründig und im Hinblick auf den Augenhintergrund erschaffen hat.
Der Mensch ist diese Nacht, dies leere Nichts, das alles in ihrer Einfachheit enthält
– ein Reichtum unendlich vieler Vorstellungen, Bilder, deren keines ihm gerade einfällt – ,
oder die nicht als gegenwärtige sind.
Dies die Nacht, das Innere der Natur, das hier existiert REINES SELBST,
– in phantasmagorischen Vorstellungen ist es rings um Nacht, hier schießt dann ein blutig Kopf,
– dort eine andere weiße Gestalt plötzlich hervor, und verschwinden ebenso
– Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ins Auge blickt
– in eine Nacht hinein, die FURCHTBAR wird,
– es hängt die Nacht der Welt hier einem entgegen.
G.W.HEGEL, Jenaer Systementwürfe III (1805/06)

Assoziationen sind verknüpfte Phantasmen, in deren Spielraum von Allusionen das „Wie bald ist Jetzt, wann beginnt die Gegenwart?“ mitschwingt. Es ist der Mensch, seine unbedingte Sehnsucht nach Sinn und Erkenntnis, seine unablässige Suche nach dem Da-Sein und seinem wahren Vorhandensein. Seine Existenz ist verunsichert, und trotz aller Versicherungen ist sie es mehr und mehr, unendlich mehr. Unsere Zeit ist kostbar, lassen wir genau die Bilder sprechen, in denen das Unsagbare gespeichert ist. Kohle, Pigment, Fixativ als dessen Rohstoffe, als eine zeitlich unendlich diffuse Materialität transformiert bei Jörn Stoya zum reinen Vorstellungsbild, das Imaginäre jedoch bannt uns mit aller Kraft an das Nicht-Symbolische. Das Jetzt ist nie, oder immer schon gewesen.

Gregor Jansen