Esther Buttersack – Jugoslav Mitevski
»Informanten«

Unter dem Titel „Informanten“ präsentiert die Galerie Petra Rinck zwei junge Positionen nicht-figurativer Malerei, die sich durch ihre besonders sinnlichen und körperhaften Qualitäten auszeichnen.  Mit ihren ungewöhnlichen malerischen Techniken verfolgen Esther Buttersack (*1985 in Braunschweig) und Jugoslav Mitevski (*1978 in Brackenheim) einen gleichermaßen poetischen, wie analytischen Ansatz.  Die beiden Absolventen der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig verzichten dabei bewusst auf das klassische Leinwandbild und erproben souverän neue Formen der Malerei.

Sie sehen sich in erster Linie den konkreten Erfahrungen mit dem Material selbst verpflichtet und erst im zweiten Schritt den Traditionen abstrakter und ungegenständlicher Kunst. Relevant sind hierbei nicht zuletzt künstlerische Ausdrucksformen der 1960er Jahre, für die eine Untersuchung der Medialität des Bildes ebenfalls konstitutiv war.
Mit der Selbstbezeichnung als „Informanten“ im Rahmen der Ausstellung gehen Esther Buttersack und Jugoslav Mitevski programmatisch auf Abstand zum Begriff des „Künstlers“. Sie versachlichen und verallgemeinern auf diese Weise den Inhalt, aber auch die Rezeption ihrer Arbeit. Entsprechend nehmen beide jede Form expressiv-subjektiven Ausdrucks zurück, ohne dem informativen Sinn die Sinnlichkeit zu opfern.

Bei Jugoslav Mitevski dokumentiert eine mehrere Meter lange Papierrolle den seit mehreren Jahren aktuellen Arbeitsprozess seiner Bilder.  Auf diese Rolle zeichnet er Tabellen, die ihm bei der Konstruktion seiner Bildkompositionen dienen. Im Bemühen, den subjektiven Anteil der eigenen Autorschaft zurückzunehmen, werden Entwürfe in Zahlenkolonnen übersetzt, die nach unterschiedlichen Vorgaben eine Transformation erfahren.  Die jeweiligen Erfahrungen mit den Resultaten dieses Verfahrens fließen anschließend wieder in neue Bilder ein. Das fertige Bild ist jeweils am Ende Dokument dieses Arbeitsprozesses, der subjektive Interventionen nicht vollkommen ausschließt, aber auf ein Minimum reduziert.
Die Bilder selbst bestehen aus mehreren homogenen Schichten Sprühfarbe, die durch Schleifen, Klebestreifen und Schnitte wieder freigelegt werden. Die Art des sehr einheitlichen Farbauftrags wurde von ihm dabei ursprünglich für skulpturale Arbeiten entwickelt, die auch zur Verwendung von MDF als Bildträger führten, da Leinwand auf Grund seiner Elastizität ungeeignet für die Bearbeitungsprozesse der Farbschichten ist. Diese flächige Malerei ist technisch dem Sgrafitto vergleichbar, einer wenigstens zweischichtigen Putztechnik zur malerischen Fassadengestaltung. Mit diesem Medium gemeinsam haben die Bilder Jugoslav Mitevskis eine – wenn auch in seinem Fall ungemein feine – Reliefierung, die sich in Reproduktionen kaum vermittelt und der unmittelbaren Anschauung bedarf. Dem Sgrafitto vergleichbar ist auch der ausgesprochen grafische Charakter dieser Art von Malerei. Die zu spannungsvollen Verhältnis gebrachte Relation von Figur und Grund, respektive von Positiv- und Negativform, entwickelt sich so in zwei Schichten: in der optischen Farbwirkung und der tatsächlichen Farbstruktur des Materials.

In den Arbeiten von Esther Buttersack vermittelt sich das Prinzip einer seriellen und strukturellen Variation anschaulich über das einheitliche Bildformat. Mit ihrem dreidimensionalen Aufbau lassen sie sich am besten als Bildobjekte bezeichnen. Für die stark zur Monochromie tendierenden Hochformate nutzt die Künstlerin unterschiedliche Materialien: Stoff, Gips und Zement. Die Farbigkeit resultiert einerseits aus den Eigenschaften des Materials selbst, als auch durch Pigmentbeimischungen in das anfänglich flüssige Material. Hinzu treten nachträgliche Bearbeitungen der Oberfläche, etwa mit Lauge, die ein Changieren der an sich einheitlichen Farbigkeit bewirken. Wo Esther Buttersack Stoff verwendet, ist dieser Stoff bereits in der industriellen Produktion farblich gestaltet und ist in diesem Sinne ein Readymade, das eine Nähe zu Werken von Blinky Palermo verrät.
Den Ansatzpunkt der malerisch-skulpturalen Auseinandersetzung bildet die materielle Grundkonstruktion des klassischen Leinwandbildes, bestehend aus Stoff und Keilrahmen. Von den Bildkanten aus laufen die Flächen zur Bildmitte hin auf einen zentralen Punkt zu, der zugleich der Wand entgegenstrebt, auf der die Bildobjekte hängen. Durch dieses einfache und ökonomische Konstruktionsprinzip, das einer invertierten, vertikal gestreckten Pyramide ähnelt, wird auch die zentralperspektivische Bildkontruktion thematisiert, die seit der Renaissance das beherrschende Prinzip westlich-europäischer Bildkonzeption ist. Die Bildform impliziert darüber hinaus eine weitere Bildtraditionen. Die schrägen Flächen erinnern an Rahmenformen von Tafelbildern, die historisch eine ästhetische Grenze zum umgebenden Raum markiert haben. Während eine Reihe von Vertretern der klassischen Moderne diese ästhetische Grenze zu überwinden suchten, indem sie das Bild malerisch über die Rahmen fortführten, klappt Buttersack anschaulich diese Begrenzung nach innen ins Bild hinein.

Thomas W. Kuhn, Tiergarten 2013