Jörn Stoya
»Augenhintergrund«

Unter dem Titel “Augenhintergrund” stellt der Maler Jörn Stoya (*1957 in Lüneburg) zum ersten Mal in den Räumen der Petra Rinck Galerie Düsseldorf aus. “Augenhintergrund” ist eine komplett neue Gruppe von Bildern, an denen Jörn Stoya seit Mitte 2010 arbeitet. Im Unterschied zu früheren Arbeiten verzichtet der Maler in diesen Werken unterschiedlichen Formats auf figurative Motive. Die ungegenständlichen Bildschöpfungen werden bestimmt durch die sparsame und konzentrierte Materialität von Zeichenkohle auf Leinwand, die in einer Reihe von Arbeiten auch farbige Flächen überlagert.

In immer wieder neuen Schichten wird die Kohle zum Teil flächig, zum Teil pointiert auf der Leinwand aufgetragen und durch Hilfsmittel wieder entfernt, so dass im Verlauf der Bildkreation eine zunehmend komplexe Textur entsteht. Während sich bei kleineren Bildern kompositorische Schwerpunkte ausbilden, tendieren die großformatigeren Werke zu einer entgrenzten Struktur. Sie scheinen über die Limitierungen der Leinwand hinauszureichen, vergleichbar dem All-over-Prinzip des Abstrakten Expressionismus. Während hier die sparsame Materialität an Werke der Arte Povera und insbesondere an Jannis Kounellis erinnert, können die unterschiedlichen Bildkompositionen in subtiler Weise Erinnerungen an Jackson Pollock, aber auch Willem de Kooning wecken.

In den Bildern der Gruppe “Augenhintergrund” folgt Jörn Stoya einer intuitiven Arbeitsweise. Sie stellen sich als eine bewusst unbewusste Auseinandersetzung mit psychologischen Wahrnehmungs- und Gestaltungsprozessen dar. Keine Zeichen und Symbole, sondern der unmittelbare, halb zeichnerische, halb malerische Prozess ist Ausdruck unbewusster Vorgänge und sich stetig wandelnder innerer Bilder. Das fertige Resultat öffnet sich wiederum einem weiten Feld an Assoziationen, durch die sich wiederum die Bildbetrachter mit ihren inneren Bildern in die Schichtstrukturen Jörn Stoyas hineinprojizieren und -deuten können. Tatsächlich erschließen sich die Bilder in diesem doppelten Sinne als ein Raum, von Pigmenten und Partikeln – mehr oder weniger verdichtet – und als ein Raum vor-gegenständlicher Konstellationen, die sich im Geist des Betrachters in figurative Formen zu verwandeln in der Lage sind.

Der “Augenhintergrund” ist die hintere Innenwand des Augapfels auf der eine Reihe physikalischer Vorgänge ablaufen. In der hier angesiedelten Netzhaut werden Lichtimpulse, die durch Pupille und Glaskörper fallen, in Nervenimpulse umgewandelt. Und noch vor der weiteren Verarbeitung dieser Impulse im Gehirn, und einer möglichen Identifikation der sichtbaren Welt, finden hier erste neurologischen Prozesse interpretativen Charakters und grundsätzlicher Art statt. Für Jörn Stoya ist dieses empfindliche Organ eine Analogie zu seinen neuen Bildern: eine externe Retina.

© Thomas W. Kuhn