Astali/Peirce
»Insular«

Das Atmen zwischen Polaritäten

Wer hier Robinson Crusoe erwartet, Kokosnüsse und Sandstrände liegt nicht ganz richtig. Denn die Ausstellung des Künstlerduos befasst sich zwar mit dem Wesen der Insel, des Inselhaften und den Prozessen des Verinselns, nähert sich aber eher von einer konstruktivistischen und literarischen Seite an, in einem erweiterten Dialog mit den Komponenten, die Inseln konstituieren.
Dabei spielen die Künstler wie Billiardvirtuosen über die Bande, und meist gleich über mehrere. Die höchst unterschiedlichen kulturellen Wurzeln der beiden Künstler tragen dazu bei: oft ist dabei der Gedanke, der ankommt nicht mehr der, der abgespielt wurde. Sprache bildet eher Inspirationsquelle als Regulativ, die Bedeutungen verschieben sich, Worte sind nur Annäherungen. Es bleibt nur die kompromisslose Präsenz des Greifbaren.

Anfang

Am Anfang stand ein beinahe archäologischer Ansatz. Expeditionen zu Müllplätzen förderten Industrieabfälle zutage, die von den Künstlern weniger als Ausgangsmaterial, denn als ästhetische Studien zur Industriegesellschaft, als skulpturaler Ausdruck des Verbrauchs und als Vorlage für eigene künstlerische Strukturelemente gesammelt wurden. Im Atelier in einem klassischen bildhauerischen Prozess auf das Wesentliche reduziert, stehen sie fortan als Anregung, Studienobjekte und Stichwortgeber für neue Projekte bereit.
Nur auf den ersten Blick wirken auch viele Arbeiten wie kaum bearbeitete Teile von Altmetall oder Überbleibsel eines Umbaus. Sie erscheinen weniger wie Material, das in einem ungeformten Aggregatzustand auf seine Verarbeitung wartet, und schon gar nicht wie auratisch aufgeladene Objekte mit möglicherweise magischem Charakter. Sondern eher wie Teile, die bereits eine Geschichte hinter sich haben, in einem bestimmten Kontext verbaut waren, und nun lagern, um neu eingesetzt zu werden.
Aber das ist nur eine lässige Geste, eine kleine List, um den Betrachter anzulocken. Denn die Werke sind, und das wird spätestens beim zweiten Blick klar, nicht was sie scheinen. Da wird ein überraschend intaktes, ungebrochenes und kohärentes Materialverständnis offenbar, beinahe ein Pathos, wie man es seit den Werken minimalistischer Großbildhauer wie Richard Serra oder Ulrich Rückriem nicht mehr nachvollziehbar dargestellt gesehen hat. Das hat mit der Materialforschung zu tun, die die Künstler betreiben, in der ihre künstlerische Praxis verankert ist, und die zur Erfindung von neuartigen Kompositmaterialien führt, die das Pärchen in der „Giftkammer“ ihres Ateliers für ihre Arbeiten entwickeln.

Material

Hier praktizieren sie eine postmoderne Spielart der Alchemie. Ging es dieser im Mittelalter darum durch bizarre und vielfach willkürliche Materialverbindungen den Stein der Weisen, oder wenigstens Gold herzustellen, so sind die Materialforschungen von Astali und Peirce der Gegenwart nicht nur historisch deutlich näher. Sie suchen nach Stoffen, mit denen sie ihre Ideen umsetzen können, mit konkreten Zielvorgaben, die neben plastischen Eigenschaften, auch Oberflächenstrukturen, Farbe oder Biegsamkeit umfassen.
Dabei entstehen beispielsweise graue Amalgamierungen aus mit Glasfasern und Polyesther überzogenen Pappen, die eine deutliche Ähnlichkeit zu Blechen oder Aluminiumstreben, zu den filigranen Teilen von zurückgebauter Industriearchitektur oder Flugzeugbauteilen ebenso auszeichnet, wie die zu den modernen Kunststoffen und Pappen aus denen Architekten ihre Modelle basteln.
Ohne in den vorhersehbaren Witz von Mimikry abzugleiten, geht es den Künstlern hier vielmehr um die Aktivierung eines „mnemonischen Potentials“ von Formen und Materialien, die eher mit Ingenieurskunst verknüpft werden. In anderen Worten, um die Beschwörung historischer Erinnerungen, die alltägliche, scheinbar neutrale, technisch kodierte Formen in sich bergen könnten. Es geht um Erinnerung und eine Vorstellung von Geschichte, als einer Entwicklung zu immer ausgeprägterer Unklarheit, Unschärfe und Relativierung von Ideen und Konstruktionen. Nicht nur bei Gebäuden zeigen sich die Wirkung von Abnutzung und Schwerkraft, die zu Verschleifungen führen, zu Brüchen und Fragmentierungen. Und gleichzeitig sind diese Defizite allerdings auch als natürliche Spuren wahrnehmbare Indizien von Echtheit und von Authentizität, Verbindlichkeit.

Bewegung

So ist das Material eben auch Bestandteil eines grösseren, umfassenderen Motivs, das vielleicht am ehesten als eine chronische, aber hybride Bewegung betrachtet werden kann. Diese Bewegung ist nicht linear, sie hat unterschiedliche Richtungen und Intensitäten. Einerseits historisch, andererseits formal begründet, wird diese Bewegung von den Künstlern als „Atmen zwischen Polaritäten“ beschrieben, und artikuliert eine künstlerische Arbeit weniger als das Beziehen von Positionen als einen transformativen Prozess, einem Wechselspiel von Leserschaft und Autorenschaft, der nicht nur Worte, Texte, Bilder sondern auch Materialien, ihre Benutzung und jede Verknüpfung dazwischen als Kulturformen und als mögliches künstlerisches Motiv begreift.
Diese Motive sind oft Illustrationen von Themen, verkörpern diese aber auch als Material („inkarnieren“, wie sich die Künstler ausdrücken), was bedeutet, dass sich diese noch in der Komposition des Materials selbst ablesen lassen. Das Wort Komposition kommt dabei nicht von ungefähr, moderne elektronische Kompositionstechniken sind ein weiterer wichtiger Einfluss: looping, feedbacking, sampling, microsampling, aber auch die elektronischen und digitalen Glitches („Fehler“), die in den neunziger Jahren von Künstlern wie Oval oder Pole zu einer neuen minimalistischen Stilrichtung in der elektronischen Musik geführt wurden.
Die Gemeinsamkeit liegt in einem Bemühen um die Errichtung einer Vertikalstruktur, eine Stratifikation der graphischen Informationen in Schichten. Dabei steht nicht nur die Maßstäblichkeit der lexikalischen Komponenten zur Disposition, durch zellulare Verschiebungen arbeiten die Künstler daran, eine eigene und wenn auch vielleicht  idiosynkratische und ambivalente, so doch polyphone und multistabile ökonomische Form zu schaffen.

Ende

Die Arbeit ist fertig, wenn sie an bestimmte Grenzen stößt. Wenn es zu Bruchpunkten oder Spiegelungen kommt. Dabei geht es auch um Reduzierungen, denn Brechen schafft Fragmente, und damit neue Körper. Die Fragmente tragen den Inhalt des Ausgangskörpers als Spur in sich und reflektieren ihn – wie das Sandkorn, aus dem der Strand einer Insel besteht.

Andreas Schlaegel April 2011