Jens Nordmann
»Das Fell der Adjektive«

Der sonst meist „aufgeräumte“ Raum der Galerie, sorgfältig bezeichnet von Objekten, wirkt fremd. Zufallsgenerierte, floral anmutende Muster auf Tapetenbahnen, Fachwerk aus Kunstleder, das wiederum andere Strukturen kreuzt und überschreibt, sowie ein Vorhang aus Putzlappen, der einem Pollock-Epigonen zum Opfer gefallen zu sein scheint, eignen sich den Raum an und erproben ihn neu. Diese Installation bildet die Rahmenbedingungen, eine Art Grundierung für eine zweite Ausstellung von Objekten und Collagen, die in dieser Struktur stattfindet.

Diese Objekte, die das sinnliche Potential der Installation beleben, bestehen aus gewöhnlichen Dinge wie Holzbrettern, Flickenteppichen, Stoffen, Kordeln die mit Materialien wie Fimo, Farbe, Schmelzgranulat kombiniert und mit Techniken wie Air-Brush oder Batik überarbeitet sind. Neben einer Vielzahl unterschiedlicher Werkstoffe liegt der Focus auf dem Zustand des verwendeten Gegenstands, Arbeitsspuren, Patina und Beschaffenheit werden freigestellt und inszeniert. Auf den ersten Blick scheint nichts miteinander zu tun zu haben. Das wie zufällig wirkende Zusammenführen von disparaten Materialien könnte geradezu laienhaft und anarchisch wirken, wäre es nicht bewusst Teil des künstlerischen Selbstverständnisses von Jens Nordmann. Der Arbeitsprozess wird beherrscht vom „Zufallen“ von Gegenständen, die für den Künstler erst in der Zusammenstellung und Verankerung in der eigenen Wirklichkeit wieder Sinn ergeben. „Objekte, die ich mache, stelle ich mir gerne als eine Zusammenkunft verschiedener affektgesteuerter Vorgänge vor.“ 1

Auch in der unmittelbaren Wahrnehmung der Arbeiten von Jens Nordmann zeigen die Materialien eine Resonanz aufeinander. Eines geht ins andere über. Abstrakte Formen treten in Erscheinung, die sich überlagern und eine mehrstimmige Räumlichkeit konstruieren. Eine unauflösbare Spannung bleibt bestehen und bewirkt eine energisierende Dynamik, welche Schicht für Schicht tiefer in die Arbeiten führt.

Jens Nordmanns Materialcollagen sind Angebote aus dem Kontinuum der Zeit auszubrechen. Die sich wiederholenden Formen und differenten Strukturen verhalten sich wie Kontrapunkte, welche die Geschwindigkeit und den Sog der Arbeiten beherrschen. Sie zwingen den Betrachter in die unmittelbare Zeit. Bezüge zur Musik sind keinesfalls zufällig und ließen sich auch auf Ideen der Moderne verorten, bei den synästhetischen Improvisationen von Wassily Kandinsky zum Beispiel, oder bei den frühen Mehrspuraufnahmen eines Steve Reich. Schwarze Flecken im Zentrum der Collage-Serie „Nein Draußen“ werden zum rhythmischen Motiv; die wechselnde Oberflächenbeschaffenheit sowie Formensprache bilden Dissonanzen und Phrasierungen. Die modulierten Abstraktionen erzeugen den Rhythmus und machen Vergänglichkeit konsumierbar.

Anne Fäser