Jens Nordmann

Verfahrensweisen wie Collage, Montage, Assemblage und Bricolage sind nicht erst seit der Postmoderne – im Sinne einer Kritik oder eines Misstrauens gegenüber dem „organischen“, „runden“ oder „radikal durchgebildeten“ Kunstwerk – gängige Strategien in der Kunst- und Kulturproduktion. Das auf Innovation zielende, experimentelle und prozessuale Erzeugen von Intertextualität im Zusammenführen von Wirk lichkeitsfragmenten aus unterschiedlichen Kontexten – auf formaler oder semantischer Ebene – war und ist das in ihnen angelegte Desiderat. „Montage setzt die Fragmentierung der Wirklichkeit voraus und be schreibt die Phase der Werkkonstitution“, so Peter Bürger 1974 in seiner „Theorie der Avantgarde“, in der er die Montage zum Strukturbegriff der Moderne erklärt.

Betrachtet man die Arbeiten von Jens Nordmann, fallen einem Collage, Montage, Assemblage und Bricolage als Gattungsbegriffe ein.

Seine kleinformatigen Materialbilder (ca. 30 x 30 cm), die in ihren mannigfaltigen, „naiven“ Gestaltungsformen Erinnerungen an „ Kunstpädagogik“, „Kunsthandwerk“ oder „Hobbykunst“ aufblitzen lassen, können treffend mit dem Begriff der Assemblage bezeichnet werden, den Dubuffet erstmalig in den Fünfziger Jahren für seine Collagen aus Schmetterlingsfl ügeln einführte und der 1961 mit „The Art of the Assemblage“ zum Titel einer gewichtigen transatlantischen Überblicksausstellung mit Werken von Künstlern wie Dubuffet, Duchamp, Spoerri und Schwitters im Museum of Modern Art, NY, wurde. Nordmanns Assemblagen sind mehrschichtige Collagen oder auch Montagen aus Fundstücken – seien es ein Knopf, eine Holzleiste oder auch ein bereits gestaltetes Textil- oder Glasobjekt – die er, nach der Lös(ch)ung aus ihrem Ursprungskontext, in eigene Versuchsanordnungen überführt und mit Techniken wie Air-Brush, Batik oder Wachssgraffi to überarbeitet, um sie anschließend – paradigmatisch – neu zusammenzusetzen, neu zu inszenieren. Dabei fi ndet oder erwirbt er die Bestandteile der späteren Materialreliefs, ohne sie bereits einem bestimmten kompositorischen Zusammenhang zugeordnet zu haben. Er geht von den Dingen aus, die er fi ndet, lässt sich von ihnen leiten.

Der unübersehbare „bastlerische“ Gestus in Nordmanns Arbeiten führt diese in Richtung des Terminus Bricolage (frz. bricoler: basteln), wie ihn Claude Levi-Strauss 1962 in seinem Titel „Das wilde Denken“ für den Bereich der Kulturtheorie prägt. Er vergleicht die Strukturen des mythischen Denkens mit der Arbeits weise des Bastlers, die er von der Technik des Spezialisten oder des Ingenieurs abgrenzt. Während der Ingenieur beim Arbeiten immer alle notwendigen Werkzeuge zu Hand hat und so völlig zielgerichtet vorgehen kann, muss der Bricoleur als intellektueller Bastler öfter improvisieren, Umwege gehen und sich mit nicht genau passenden Werkzeugen behelfen. Dabei erschafft der Bricoleur nicht aus dem Nichts, sondern indem er auf ein Arsenal von schon Vorhandenem zurückgreift und dieses umfunktioniert und intertextualisiert.

Die gerahmten Papiercollagen (ca. 80 x 55 cm) von Jens Nordmann orientieren sich stärker an der traditionellen Form der Collage, dem „Klebebild“ (frz. coller: kleben), wie es Picasso und Braque um 1912 einführten. Hier sind es farbig-verschwommene Aquarelle von Raumsituationen seines Ateliers, die der Künstler mit verschiedenartigen „Papierschnipseln“ beklebt und kontrastiert. Darunter befi nden sich mit Schrift und S/W-Abbildungen bedruckte Blätter aus alten Büchern, aus vergrößert-kopierten Einkaufszetteln ausgeschnittene, chiffrenartige Buchstaben, aber auch Teilstücke einer skizzenartigen Dokumentation eigener Werke. Der so entstehende analoge Bildraum wirkt aufgrund der Zusammenführung unterschiedlicher Mal- und Drucktechniken grafi sch und farblich stark kontrastreich und ähnelt einem mutli-medialen, digital erstellten Bildkosmos, in dem der Künstler seine eigene Produktion, sein eigenes Material in der Dekonstruktion erhellt.

Das Neue, der Zufall, die Montage – das Zusammenführen von Disparatem – ist im Werk von Jens Nordmann kein gelegentliches, einem Werkganzen sich integrierendes Verfahren. Vielmehr erscheint das Denken in Collagen als ontologische Bedingung für sein Werk überhaupt. Jens Nordmann stellt das „Gemachtsein“, die „Werk-Konstitution“ seiner Arbeiten ins Zentrum seiner Schau.

Barbara Buchmaier