„I went on the dancefloor and danced every dance and the reason I’ve now just begun to dance is because I finally realized that nobody really notices you.“ (The Andy Warhol
Diaries, 1976)

Wo fängt die Malerei an? Mit dem Betreten der Tanzfläche? Oder schon in der Schlange am Einlass? Bei der Wahl des richtigen Outfits? Oder beim Nachziehen des Lippenstifts? Für Jugoslav beginnt Malerei nicht erst im Atelier, noch findet sie allein dort statt. Be­reits die Auswahl des Materials, in der neben technischen Entscheidungen auch andere Kriterien wie Empathie, Intuition oder Aggression eine gleichberechtigte Rolle spielen, stellt zwangsläufig eine Verbindung zur Aussenwelt dar. Malerei ist Erfahrung, sowohl im Umgang mit dem Material als auch im Umgang mit dem Leben oder den jeweiligen Ereignissen des Tages. Ebenso wie dem Mischungsverhältnis entsprechend kalkulierte Mengen von Zementstaub, Pigment und Wasser fliessen tägliche Launen und Stim­mungen mit in die Arbeiten ein und bestimmen das Ergebnis. Jan Verwoert beschreibt dies als Nachhall oder Resonanz der Erfahrungen außerhalb des Ateliers, der sich auf die Oberfläche der Arbeiten auswirkt. Ein Prozess also, der nicht abgeschlossen ist, und in dem Malerei wohl eher als Resonanzkörper und nicht als Objekt zu begreifen ist.

Diese Resonanzen der Außenwelt durchsetzen das System von Regeln und Anleitungen, die sich aus dem Material ergeben und die der Künstler im Arbeitsprozess intuitiv oder kalkuliert annimmt oder verwirft. Wie brüchig oder flexibel das Konzept von Anleitungen und Instruktionen sein kann, zeigt bereits die kleine grammatikalische Verschiebung oder Unkorrektheit im Titel der Ausstellung, die das Verständnis nicht beeinträchtigt, sondern vielmehr wie eine spontane Bewegung einen Freiraum in der Regelhaftigkeit und Starre eines klassischen Tanzes schaffen kann.

Zentral für Jugoslavs Verständnis von Malerei ist die klare Unterscheidung zwischen dem ausführenden Verb „malen“ und dem Substantiv „Malerei“. Ebenso hat das Verb „tanzen“ als freie Bewegung des Körpers im Raum zunächst einmal nur wenig mit den strikten Regularien eines Tanzes oder einer Choreographie zu tun, die in Form von reglemen­tierten Bewegungsabläufen präzise vorgegeben sind und auf dem Parkett der Königsdisziplin minutiös wiedergegeben werden.
Vielmehr verweisen beide auf eine Gegenwärtigkeit wie etwas, das die Luft füllt. Etwas, das immer präsent ist; wie eine musikalische Grunduntermalung, die man lauter oder leiser dreht und die den Rhythmus bildet, zu dem die Füße wippen.

In Jugoslavs Arbeiten geht es um eben diese Gegenwärtigkeit. Es handelt sich um eine Malerei, die über sich hinausgeht, die „transitiv“ ist, wie es David Joselit in seinem Artikel „Painting beside itself“ (2009) formuliert hat. Eine Malerei, die auf subtile Art in ein Netzwerk sich überlagernder Zustandszusammenhänge und Resonanzen eingebunden ist und diese erfahrbar werden lässt.

Kristina Kramer

Mitevski hat mazedonische Wurzeln, wurde 1978 in Deutschland geboren und lebt seid einigen Monaten in Berlin. Nach seinem Studium an der Hochschule der Künste in Braunschweig erhilt er zahlreiche Stipendien, die ihn zuletzt für ein 9 Monate nach New York City führten. Viele der dort in der zweiten Hälfte von 2014 entstandenen Arbeiten werden in der Ausstellung zu sehen sein und mit  Arbeiten aus den letzten Monaten ergänzt.
Parallel zur Ausstellung in Düsseldorf zeigt Mitevski seine Arbeiten unter dem Titel I COULD HAVE BEEN A GIRL vom 03.09.-24.10.2015 in der Artothek, Raum für junge Kunst in Köln. www.museenkoeln.de/artothek

„I went on the dancefloor and danced every dance and the reason I’ve now just begun to dance is because I finally realized that nobody really notices you.“ (The Andy Warhol
Diaries, 1976)
Where does painting begin? When you step onto the dance floor? Or already in the queue waiting to get in? When you’re choosing the right outfit? Or when redoing your lipstick? For Jugoslav, painting does not first begin in the studio, nor does it take place only there. Already the choice of the material along with technical decisions and other criteria such as empathy, intuition or aggression play an equal role and represent a link to the outside world. Painting is  experience, both in the way the material is addressed as well as the way life or the particular events of the day are dealt with. Just like the ratio of the mixture that corresponds to the calculated amounts of cement dust, pigment and water, also one’s daily moods and temperaments flow into the works and determine the result. Jan Verwoert describes this as the echo or resonance of experiences outside the studio that has an effect on the surface of the works. A process, therefore, that has not come to an end and, in painting, is probably easier to comprehend as a soundbox and not an object.

These outside resonances pervade the system of rules and directions that result from the material and which, during the work process, the artist via intuition or calculation accepts or rejects. How brittle or flexible the concept of directions and instruction can be is already apparent in the small grammatical shift or inaccuracy in the exhibition title, which does not affect comprehension but rather the way a spontaneous movement can create latitude in the regularity and rigidity of a classical dance.

What is central to Jugoslav’s understanding of painting is the clear distinction between the performative verb “to paint” and the noun “painting”. In this same way, the verb “dancing” is a free movement of the body in space that has at first little to do with the strict regularities of a dance or a choreography, one that is precisely prescribed in the form of a reglemented sequence of movements, i.e., a high-end discipline minutely reproduced on the dance floor.

Rather both point to a presentness that fills the air. Something ever present, like a musical accompaniment that you turn louder or lower and forms the rhythm to which your feet tap.
Jugoslav’s works are precisely about this nowness. About a kind of painting that goes beyond itself, that is “transitive“ as David Joselit formulated in his article “Painting Beyond Itself“ (2009). Painting is in a subtle way linked to a network of status contexts as well as to resonances that overlap and that allows them all to be experienced.

Kristina Kramer
(translation Jeanne Haunschild)

Mitevski has Mazedonian roots, was born 1978 in Germany and is now living since several months in Berlin. After his studies at the Braunschweig University of Art, he received many scholarships that recently took him for 9 months to New York City. Many of the works he created there will be on display in the exhibition, supplemented by works from his newest period in Berlin. Parallel to the exhibition in Düsseldorf, Mitevski is showing works under the title COULD HAVE BEEN A GIRL from 3 Sept-24 Oct 2015 in the Artothek of “Raum für junge Kunst” in Cologne. www.museenkoeln.de/artothek