Nachdem Jugoslav Mitevski mehrere Gruppenausstellungen in der Galerie organisiert hat, freut sich Petra Rinck Galerie nun seine zweite Einzelausstellung zu präsentieren.

Es kann befreiend sein, den Dingen ihren Lauf zu lassen; die Intuition ausschalten und sich des Ballasts von Entscheidungen zu entledigen. Sich dem zu widmen, was wichtig ist. Jugoslav Mitevski entwickelt Systeme, die ihm das Finden und Treffen von eben solchen Entscheidungen abnehmen. Nicht eines Eskapismus wegen, sondern, um sich auf die Form und die innere Logik zu konzentrieren. In seinen Untersuchungen der Möglichkeiten von Malerei, geht es Mitevski darum, strukturierende Parameter in sein Werk zu integrieren, die außerhalb des Ateliers liegen, um sich dem Verlust von Kontrolle hinzugeben. Die Arbeiten sprechen von diesen Verflechtungen und Einflüssen. Mit dem Wechsel zum Beton (und zuletzt Aluminium) als maßgebliches aber vor allem maßgebendes Werksmittel, erreicht er ein Stadium von Möglichkeiten und Einschränkungen, den Werken bei der Entstehung aus dem Blickwinkel des Betrachters zuzusehen. Die chemischen Reaktionen beim Trocknen, im Zusammenspiel der Bearbeitung der Gußformen und anderen Materialien, stellen sich als geeignete Werkzeuge heraus, Abstand zum eigenen Werk zu gewinnen.

In der aktuellen Serie nimmt er sich dem Zivilisationsmüll von Styroporverpackungen an, die dem Schutz diverser elektronischer Gerätschaften gedient haben. Hierbei handelt es sich, wie im Grunde den meisten ihrer Art, um Verpackungssysteme, die auf der mathematisch berechneten Maximierung von Raumnutzung ausgelegt sind. Jeder Winkel und jede Kante erfüllt ihren Sinn, kein Zentimeter ist überflüssig oder gar dem Zufall überlassen. Es ist ebenso und nur so richtig. Jeder weitere Gebrauch von Material wäre Verschwendung und diesem genormten Sinne falsch – oder ,verstimmt’, wie es Titel der Ausstellung anklingen lässt. So wie etwa auch ein Instrument verstimmt sein kann und falsche Töne produziert, könnte dieses Falsch-sein ebenso gut eine Alternative zur Harmonielehre aufzeichnen. Von diesem mehrdeutigen Wortspiel ausgehend, nimmt es sich Mitevski zum Anlass, ebenfalls vom Wege abzukommen, weg vom Standard und der Norm, zurück zum Individuellen.

Für seine Ausstellung zerlegt, ergänzt, und setzt er die Fragmente dieser Verpackungen neu zusammen, um anschließend Betongüsse herzustellen, die er als Wandobjekte oder freistehende Skulpturen präsentiert. Die Struktur des Ausgangsmaterials bleibt trotz der Bearbeitung mit Farbe oder Eisenpulver erhalten, und verweist so auf seinen Ursprung. Im weiteren Verlauf lässt der Künstler den Beton wieder aufreißen, dass er brüchig wird und die Objekte ohne weiteren Eingriff ihre Statik verlieren würden. Einzig die angesetzten Prothesen, Verschraubungen mit Metall oder Holz, verhindern, dass diese Gefüge aus Betonformen in sich zusammenbrechen. In dieser Zwitterform als Erinnerung an das Ausgangsmaterial und seiner abstrahierten Gestalt durch Mitevski’s Bearbeitung, geht er der Frage nach, wie letztlich eine Form entsteht und was der Grund für diese oder jene Erscheinung sein mag.

Mitevski´s Interesse gilt dem Weitergeben von Spuren und Informationen, denen er mit archäologischen Blick nachgeht. Der Prozess der Weitergabe des Fragmentarischen, der Analyse der Verarbeitung und der Eingriffe stehen im Mittelpunkt seiner Werke.
In ihrer Gesamtheit nehmen sie die Form eines Archivs von Entscheidungen, Abwägungen und Problemen an. Ein Archiv, welches die unterschiedliche Grade an ,Verstimmungen’ im Hier und Jetzt, ihre Lösungen und Möglichkeiten festhält.

Mitevski studierte an der Hochschule der Bildenden Künste in Braunschweig bei Frances Scholz. Seine künstlerische Praxis wurde mehrfach durch Stipendien, Projektförderungen unterstützt. Zuletzt von der Kunststiftung NRW, CCA Andrax, Mallorca und dem Kunstfonds Bonn.
Mitevski´s Arbeiten wurden bereits in Gruppenausstellungen in Wien, Amsterdam und Zürich gezeigt und in Solopräsentation in New York, Köln und Düsseldorf.

Jonas Schenk