Petra Rinck Galerie (PRG) im Gespräch mit Lothar Götz (LG)
vom 18. Februar 2019

PRG: ‚If Only‘ ist der Titel deiner 5. Ausstellung in meiner Galerie. Ich denke bei dem Titel an verpasste und noch bevorstehende Möglichkeiten und bin sofort in schwärmerische Gedanken verstrickt.

LG: Der Titel bezieht sich durchaus auch auf das Leben und die, wie du schon sagst, schwärmerischen Vorstellungen was alles hätte sein können. Wohin das Leben gehen kann, was Entscheidungen bewirken und so. Eigentlich ganz normale Dinge wie Liebe oder Umzüge und so weiter.
Aber es hat auch damit zu tun, wie ich eine abstrakte Arbeit zusammensetze oder wie ich mich für eine Arbeit entscheide. Denn auf Malerei bezogen ist ein Ergebnis ja immer auch ein Ergebnis der ganzen ausgelassenenen Möglichkeiten. Also was wäre, wenn ich statt des Grüns ein Orange gemalt hätte.

PRG: Du hast mir erzählt, dass ‚If Only‘ ein Songtitel ist. Ist Musik wichtig für dich?

LG: Der Titel ist auf der Schallplatte ‚Breaking Glass‘ von Hazel O`Connor, die ich das erste Mal mit 18 gehört habe. Es gibt da einen Turning Point im Stück, den ich immer noch wahnsinnig schön finde. Ich höre vorwiegend zu Hause Musik, wo ein Schallplattenspieler steht. Das zelebriere dann regelrecht, wenn ich mich dazu ins Wohnzimmer setze, eine Platte auflege und sie mir dann von vorne bis hinten anhöre. Es geht dabei schon auch um eine Stimmung, in die man versetzt wird.

PRG: Die Zeichnung, die wir für die Einladungskarte genommen haben trägt den Titel ‚Roker Avenue‘. Handelt es sich um einen realen oder einen fiktiven Ort und gibt es für dich einen Unterschied zwischen realen und imaginierten Orten?

LG: Auch ein fiktiver Ort ist nie komplett fiktiv. Wenn ich eine Zeichnung mache, kann es sein, dass sie mit einer Stelle aus einem Buch, Film oder einem Song zu tun hat. Es kann aber auch sein, dass es etwas ist, das ich tatsächlich gesehen habe. Die ‚Country House Serie‘ zum Beispiel, die ich vor ein paar Jahren gezeichnet habe ging auf Landschaften zurück, die ich auf Reisen gesehen hatte und für die ich mir dann fiktive Häuser ausgedacht habe.
Die in der Karte verwendete Zeichnung ‚Roker Avenue‘ bezeichnet jedoch einen realen Ort. Es ist die Promenadenst­rasse in Sunderland, direkt am Strand. Es war ein dunkler, verregneter Tag, an dem ich dort in einer Pension mit Blick auf das Meer saß, als plötzlich die Beleuchtung an der Straße, anging, die ganz neu angebracht war. Eigentlich war das eine Weihnachtsbeleuchtung, aber so abstrakt, dass sie auch immer da sein könnte. Es war so toll, als diese Zacken­landschaft in vielen Farben vor dem Nachthimmel anging, dass ich auf die Situation reagiert habe und in den folgenden Abenden in der Pension die Zeichnung gemacht habe.

PRG: In deiner letzten Einzelausstellung bei mir hast du dich mit dem ‚Triadischen Ballet‘ von Oskar Schlemmer beschäftigt. Ist deine Arbeit generell in der Tradition des Bauhauses zu sehen oder wo wurzelt dein größtes Interesse innerhalb der Kunstgeschichte?

LG: Innerhalb der Kunstgeschichte ist für mich die Moderne und das Bauhaus ein Ausgangspunkt, zudem ich immer wieder zurückkomme. In erster Linie interessiert mich aber dort die Architektur, der moderne Raum. Es fing damit an, dass ich schon als Kind begei­stert war von Rohbauten, von neuen Bungalows mit Flachdach. Die abstrakte Form, solange es noch Rohbauten sind und man sich vorstellen kann, was es alles werden könnte, das hat mich am meisten interessiert. Damals kannte ich das Bauhaus noch garnicht und das hat ja auch mit diesen Bungalows nur indirekt zu tun.
Erst während meines Studiums in Aachen bin ich dann mit dem Bauhaus in Berührung gekommen. Erst habe dort in der Bibliothek immer wieder Bücher aus der Zeit des Bauhauses studiert. Von dort aus ging es dann weiter hinein in die Kunstgeschichte, zum Beispiel zu De Stijl, wo mich die Farben besonders interessiert haben und später kam der russischen Konstruktivismus und der Futurismus dazu.
Auch die Verbindung des Bauhauses zu Design und angewandten Bereichen fand ich spannend, denn ich wusste lange nicht, dass ich Maler werden würde. Ich konnte mich erst nicht entscheiden, weil ich mich mit der Idee Maler zu sein nicht richtig identifizieren konnte, da ich mich auch für Tanz und Theater begeistert habe. Die Begegnung mit dem ‚Triadischen Ballet‘ war eine richtige Offenbarung für mich, da dort alles was mich interessierte plötzlich zusammen kam. Die Figuren habe ich dann in der Staatsgalerie in Stuttgart gesehen, wo sie schon damals ausgestellt waren.

PRG: Diese kommende Ausstellung wird die erste sein, in der du nicht direkt mit Farbe in den Raum eingreifst. Bisher waren deine Bilder auf Holz, Leinwand oder Papier immer von einer oder mehreren Wandmalereien oder zumindest von farbig gefassten Wänden flankiert. Warum verzichtest du dieses mal darauf?

LG: Das hat zum einen einen ganz praktischen Grund, denn ich würde bei dir in der Galerie gerne mal die hintere lange Wand bemalen, aber das lässt sich auf der jetzt eingebauten Holzwand nicht umsetzen. Der andere Grund ist der, dass ich oft, wie auch bei der letzten Ausstellung ‚Pas De Trois‘ an einem Projekt arbeite, was jetzt bei dieser Ausstellung nicht der Fall ist. Es handelt sich bei den neuen Arbeiten eher um einzelne Arbeiten. Viele früheren Arbeiten, die noch mehr Zeichnung als Malerei waren, hatten auch wesentlich kleinere Formate als die neuen Malereien und brauchten deshalb eher eine Wandarbeit.
Ich wollte aber doch etwas situationsbezogenes machen, weswegen ich dann auf die Idee mit der Flagge kam, die wir im vorderen Raum zeigen werden.

PRG: Kannst du ein paar Punkte benennen, die sich während der letzten 2-3 Jahren innerhalb deiner Arbeit verändert haben?

LG: Die Arbeit hat sich immer wieder verändert. Meine Arbeiten waren für ein paar Jahre etwas zurückgenommen in den Farben und ein bisschen dunkler und zeichenhafter. Ein einschneidendes Erlebnis hatte damals eine innere Abneigung gegen konkrete Formen und starke Farben ausgelöst. Ich kann das nicht genauer erklären, aber ich habe mich deshalb damals auf die Linienarbeiten konzentriert, die zum Teil schon in der Galerie zu sehen waren.
Die Lust auf Form und Farbe kam dann sehr langsam wieder und es entstand die letzte Ausstellung ‚Pas De Trois‘ bei dir, zum Thema ‚Triadisches Ballet‘ von Oskar Schlemmer.
Früher habe ich nur Raumarbeiten und Zeichnungen gemacht. Die ersten Arbeiten auf Holz waren Zeichnungen auf Holz, bei denen auch Farbe mit verwendet wurde. Das hat sich im Vergleich zu heute geändert. Auch wenn das kein radikaler Unterschied ist, empfinde ich das, was ich heute mache auf jeden Fall mehr als Malerei.

PRG: Vielen Dank Lothar.