Astali/Peirce „Drop Shadow“

Den Auftakt setzt das Buch „Hed“, 2017, eine Portrait -Zusammenstellung diverser Götter und Philosophen aus verschiedenen Kulturen und Konfessionen. Astali und Peirce nutzen alte Bücher, die sie durch eine Schnitt- und Assemblage-Technik weiterbearbeiten. Dabei ist auffällig, dass die Künstler oft die markantesten Stellen der steinernen Physiognomien, nämlich die Gesichtspartien durch ihre Collagentechnik herausschneiden. Im Ergebnis schieben sich die Außenbereiche der Köpfe zusammen und bilden neuartige Ballungen voll fragmentierter, visueller Information, die sich von gewohnten Portraits auf signifikante Weise unterscheiden. Dieses bruchstückhafte Pantheon stellt die Frage nach kultureller Wiedererkennbarkeit aus unserer heutigen Perspektive und über die Wirksamkeit von geistigen Symbolen durch den Lauf der Geschichte. Nicht zufällig wird der neuartige, singuläre Vokal des Titels durch den fusionierenden Schnitt des „a“ und „e“ im Wort „head“ gebildet.

Die Bilderserie „Drop Shadow“ von 2018 bietet dem Betrachter das Detail eines Armes von einem Ägyptischen Sarkophag auf dem sich der formähnliche Schatten eines zweiten, bildexternen Armes niederschlägt. Spielerisch werden in der Serie unterschiedliche Winkel und Handhaltungen durch den additiven Schatten durchgespielt, welcher in seiner Flexibilität den Schluss nahelegt, er gehöre zu einer lebenden Person. So werden taktile Brücken der Annäherung aus der heutigen Welt in das alte Ägypten ausgeworfen.
Sie spannen sich von der aufmerksamen Lebendigkeit eines heutigen Menschen zum steinernen Relikt eines typisierten Körpers, sie fusionieren ephemeres Schattenspiel mit ewigen Material und loten so voller Sensibilität die Möglichkeit einer performativen Intersubjektivität über die Epochen hinweg aus.

Das größte Konvolut der Ausstellung bilden neue, für Astali/Peirce typische Polyesterguss-Arbeiten in variierenden Formaten und changierender Motivik. Hauchdünne Schichten aus gegossenem Polyester haben hier diverse Bild-Samples aus der visuellen Datenbank des Künstlerduos in sich aufgesaugt, eingeschlossen und in nahezu farblosen Strukturen verewigt. Das ursprüngliche Aussehen und der Zusammenhang der transferierten Bilder bleiben durch ein elaboriertes Filter- und Schichtverfahren vage, so dass verdichteten Bildformationen meist nur noch freie Assoziationen anklingen lassen, wie beispielsweise zu geologischen Oberflächen, vergrößerten Körperpartien oder architektonischen Details. Zahlreiche Risslinien und Verwerfungen in der Oberfläche der Polyesterplatten verstärken den Eindruck vor künstlichen Sedimenten einer menschlichen Kultur zu stehen, die bereits vergangen ist.

Die vierte Werkgruppe in der Ausstellung bilden die Plastiken. Aus ungebranntem Ton gefertigt und mit feinen Linien und Texturen überzogen erden sie die Auswahl mit der physikalischen Schwere ihrer Volumina, weisen aber gleichzeitig auf ihren vorübergehenden Status und ihre Aufnahmefähigkeit der sie umgebenden Informationsflüsse hin. Hier wird der Detailreichtum industrieller Alltagsgegenstände der Mobilität wie Rad, Motorradhelm oder Parabolantenne durch formale Reduktion zurückgeführt in klare, fast zeitlose Objekte, welche die Schwerkraft der Archaik ausstrahlen, aber tatsächlich in den Übergängen der Gegenwart verortet sind.

Fragmente von Figuren aus alten Luftposterfolie, Arbeitsanzug, Kaffeesatz und Stoffreste bilden eine weitere hybride hautartige Werkgruppe, die uns vom Schlamm zum Menschen führt, oder von der Prähistorie zur Posthistorie.

Insgesamt betrachtet sind die Arbeiten von Astali /Peirce wie Abdruckspuren des Anthropozäns. Möglich auch, dass sie eine so tiefe Frequenz darstellen, dass wir sie nicht hören, sondern lediglich spüren können. Oder sie sind eine Scheibe jener dunklen Materie, die alle messbaren Quantitäten verbindet. Letzten Endes verkörpern diese Markierungen ihren ganz eigenen Zustand. Sie verströmen geradezu ihre distante Zeitlichkeit, ihre undurchsichtigen Quellen, ihre ungewisse Materialität und ihre verschlüsselte Zielsetzung.

Stephan Klee