Nadine Städler ist eine Bildersammlerin. Den gemeinsamen Nenner bilden Artefakte im Sinne körperbezogener menschengeschaffener Gegenstände, genauer: Kleidung, zu denen Funktionskleider wie Taucher- und Judoanzüge genauso zählen wie die begleitenden Objekte wie Kampfstäbe, Helme oder Handschuhe. Aus diesem Fundus teilt sie auf, sortiert sie und schafft letztendlich neue Bilder in Form von Collagen und Stoffskulpturen.

Erstere zeigen zum einen Gruppierungen ähnlicher Typen von Gegenständen. Zum anderen reale und fiktive Figuren, die der gleichen Beschäftigung nachgehen; es sind „Kämpfer“ aus unterschiedlichen Quellen, aus Mangas, Animes, Zeichnungen oder dokumentarische Abbildungen von Kampfsportlern. Ähnlich einem Videospiel reihen sich die Figuren im unteren Teil der Collage (ohne Titel, Preparation III) wie Avatare, die für den kommenden Kampf bereitstehen und auf ihren Einsatz warten. Mittig erscheint der auserwählte Charakter in größerer Dimension.

Die Stoffskulpturen gehören zu einer 2014 begonnenen Serie, die wie eine wissenschaftliche Bestandaufnahme fortgesetzt wird. Dabei geht Städler folgendermaßen vor: Nachdem sie das Kleidungsstück – oft aus dem Sportbereich – ausgesucht hat, fotografiert sie es und druckt es im Verhältnis 1:1 auf ein Polyestertuch. Die Gewebe platziert Städler in der Ausstellung Ultra Echo auf Findlingen, als ob der Fechter oder der Taucher sich gerade entkleidet und dort, auf den Felsbrocken, sein Lager aufgeschlagen hätte. Die entstehenden Falten und die Fluidität des Stoffes treiben das Bild in die dritte Dimension und erwecken so den Eindruck einer tatsächlichen menschlichen Präsenz; evozieren aber zugleich einen unsichtbaren Körper, einen Phantomkörper, der die Kleider weiterhin bewohnt.

Die Besessenheit zu verstehen, wie der Körper durch Kleidung inszeniert wird und wie er „das was man ist“ gleichzeitig prägnant und subtil strukturiert, geht aus der Praxis von Nadine Städler hervor. Das Objekt oder das Kleidungsstück stellt gewissermaßen die Eins nach dem Nullpunkt der Nacktheit dar. Es definiert den Körper und informiert sowohl über seinen Platz in der Welt als auch über seine Tätigkeit. Wie das Feuer in dem Zitat von Gottfried Semper, das die Künstlerin als Referenz zur Ausstellung  nennt, sind es hier die Kleider, die alles organisieren und strukturieren: „Das erste Zeichen menschlicher Niederlassung und Ruhe nach Jagd, Kampf und Wanderung in der Wüste ist heute wie damals, als für die ersten Menschen das Paradies verloren ging, die Einrichtung der Feuerstätte und die Erweckung der belebenden und erwärmenden speisebereitenden Flamme. Um den Herd versammelten sich die ersten Gruppen, an ihm knüpften sich die ersten Bündnisse, an ihm wurden die ersten rohen Religionsbegriffe zu Culturgebräuchen [sic!] formuliert. Durch alle Entwicklungsphasen der Gesellschaft bildet er den heiligen Brennpunkt, um den sich das Ganze ordnet und gestaltet.“ Die interessante Fragestellung, die sich daraus ergibt, ist: Was ist zwischen dem Zeitpunkt Null und dem Zeitpunkt Eins, im Übergang von der Nacktheit zur Bekleidung passiert? Definiert der Nullpunkt nicht eine Realität, eine Tatsache, und der Punkt Eins die Erfindung der Funktion und damit der Fiktion? Umgekehrt gefragt: Wie schaffen und ordnen Kleider als Symbole die Wirklichkeit? Es ist diese Schnittstelle zwischen dem Feuer und dem Haus, zwischen dem Körper und der Kleidung, in die sich die Arbeit von Nadine Städler einfügt: Es ist die Suche nach dem Ursprung, nach dem Ultra Echo, wo sich fiktionale Zuschreibungen und Tatsachen klar auseinanderhalten lassen.

Oriane Durand 2017