Ralf Brög EX_EM 0907, SITEGALERIE 2007

Ralf Brög “Music”

Unter dem englischsprachigen Titel “Music” versammelt die Petra Rinck Galerie, Düsseldorf in der Zeit vom 4. September bis zum 24. Oktober 2009 aktuelle künstlerische Arbeiten von Ralf Brög (*1967 in Stuttgart),
Arbeiten die ganz unterschiedlichen bildnerischen Gattungen angehören. Fotografien, Skulpturen, Grafiken und eine großformatige Wandmalerei umkreisen das an sich nicht sichtbare und im Rahmen der Ausstellung auch nicht unmittelbar hörbare kulturelle Phänomen der Musik, zum Teil als raumbezogene Inszenierung. Deren Fokus bildet eine Wandmalerei, die als ideale Metapher für die Abwesenheit der Musik an sich im Rahmen der Ausstellung dienen kann.
Die Wandarbeit (ohne Titel, 2009) besteht aus vertikalen und horizontalen Streifen in Schwarz und abgestuften Grautönen, die auf dem Grundmodul eines Quadrats basierend unregelmäßig gegeneinander versetzt sind und auf schallschluckende Wände in Tonstudios und Laboratorien Bezug nimmt. Wo dort Kegel und Keile den Ton streuen und schlucken, reflektiert und absorbiert hier die Farbe das in den Ausstellungsraum einströmende Licht, ein Effekt der noch dadurch illustrativ verstärkt wird, dass von links nach rechts der hellste der drei Balken stufenweise durch die Beimischung schwarzer Pigmente abgedunkelt wird.
Tonlos und still bleiben auch die beiden als Lautsprecher identifizierbaren Boxen (MB-Speaker, 2009), deren Funktion durch die beiden jeweils eingelassenen Membrane auf der Vorderseite und den Anschlüssen für Kabel auf der Rückseite sichtbar wird. Einmal mit blauem und einmal mit rotem Metallic-Lack farbig gefasst, wie er für Automobile und Motorräder Verwendung findet, stehen sie als Paar für die Stereotechnologie, die seit den späten 1950er Jahren die Wahrnehmung technisch ausgestrahlter und aufgezeichneter Musik veränderte und nun ein räumliches Hören ermöglichte. Tatsächlich ist diese Ausdehnung im Raum eine der Gemeinsamkeiten der Musik mit Werken der bildenden Kunst. Hinzu tritt eine eher abstrakte Parallele, die insbesondere in der spezifischen Differenzierung innerhalb der deutschen Sprache nachvollzogen werden kann. Während auf dem Gebiet der materiellen Gestaltung zwischen angewandter und freier Kunst unterschieden wird - die Lautsprecher können hier auf Grund ihrer Funktion als der angewandten Kunst nahe stehend betrachtet werden - verteilt sich auch die musikalische Gestaltung auf zwei Gebiete, der U-Musik und der E-Musik, wobei das “U” bekanntermaßen für “Unterhaltung” und das “E” für “Ernst” steht.

Auch wenn die Boxen im Kontext ihres künstlerischen Gebrauchs als Kunstwerke angesehen werden dürfen, repräsentieren sie doch auch eine nicht verleugnete Nähe zu Designobjekten. Im Übrigen verweist ihre geometrische Gestaltung auf den ureigenen Zusammenhang von Musik und Mathematik, insbesondere den Proportionsregeln der Harmonik, wie sie von den Pythagoräern schon während der Antike erforscht und beschrieben worden sind. Harmonischer Klang und geometrische Körper regelmäßiger Gestalt konnten und können in unterschiedlichem Maße als Motive der Kontemplation begriffen werden, die nicht zuletzt auch in der Architektur-, der Bildhauerei- und der Malereigeschichte gestaltet oder thematisiert wurden.

Ähnlich der ambivalenten kategorialen Zuordnung der Skulpturen/Lautsprecher stellen die großformatigen Bilder die Betrachter vor die Schwierigkeit der Identifikation des Mediums. Tatsächlich handelt es sich bei den im Format deutlich vergrößerten Schallplatten um Fotografien, die allerdings durch das gewählte technische Verfahren der Reproduktion vollkommen ihrer räumlichen Dimension beraubt wurden. Allerdings sind die Rillen, also die von der Nadel des Plattenspielers zum Klingen gebrachten Vertiefungen innerhalb der im Regelfall schwarzen Vinyl- oder Schellack-Platte auf besondere Weise sichtbar gemacht.
Ohne eine Note dieser Aufnahmen zu hören, die in einem im Verschwinden begriffenen Massenmedium gespeichert sind, ermöglicht ihr analoger Charakter, in der Bewegungen der Musik mit Bewegungen der Rillen korrespondieren, zum Teil die Deutung musikalischer Strukturen. Die 180 x 180 cm große Fotografie “Forgive your friends”, zeigt eine Schallplatte, auf der offensichtlich nur ein Stück zu finden ist, dessen Charakter von äußerster Gleichmäßigkeit bestimmt sein muss, da sich die Bewegungsverläufe der Rillen in ihren Schwingungen regelmäßig wiederholen. Ein Effekt ist hierbei auch der, dass bestimmte musikalische Strukturen über die Fläche der gesamten Platte zu spiralförmigen Verläufen führt und somit zu einer Form, der Spirale, die seit frühesten Formen menschlicher Gestaltung mit Bewegung assoziiert wird, wo also bildnerisch-grafische Form ein zeitliches Moment vermittelt, wie sie sonst nur den ausgesprochenen Zeitkünsten, wie der Musik zu eigen ist. Man hört bei diesem Bild also nichts und doch lässt sich leicht ein Rhythmus assoziieren, dessen mutmaßliche Regelmäßigkeit auch dort zu finden ist, wo in spezifischen Kulturen spirituelle Formen der Trance Teil einer Welterfahrung sind. Während diese Form der Trance in der Techno-Musik und der sie zelebrierenden Events der letzten zwanzig Jahre eine Aktualisierung erfahren hat, aktualisiert die von Ralf Brög gewählte Bildform, insbesondere der Zentrierung eines kreisrunden Objekts auf quadratischen Grund - weniger explizit als beiläufig - archaische, wenn nicht sogar archetypische Bildformen, wie sie etwa in den Mandalas des Hinduismus und Buddhismus für meditative Zwecke Verwendung finden.
Entsprechend komplexer fallen natürlich die Reproduktionen ganzer Alben aus, die hier an Hand zweier reproduzierter Schallplatten betrachtet werden können “Purple Rain” und “Music”, in beiden Fällen bekannte Aufnahmen der Pop-Musik, die auf Grund ihrer Bekanntheit die Möglichkeit wahrscheinlich machen, dass die Betrachter der Bilder sogar in ihrem Gedächtnis die konkrete Musik erinnern und hinzudenken.

Formal ähnlich komponiert und strukturell ebenso minimalistisch begleiten Farbradierungen die beschriebenen Werke, in der Bildmitte zentrierte Formationen, die aus je einem einzelnen Haar abgeleitet sind, dass nachgezeichnet und dann vielfach reproduziert wurde. Entsprechend der einen Linie der Schallplatte, in deren Verlauf die Nadel und der Verstärker die vielfältigsten, aber auch einfältigsten Klänge reproduzieren kann, bildet das eine quasi geklonte Haar mal ein “Pentagon”, ein Fünfeck, mal eine “Membran”, eine kreisförmige Entsprechung der ebenso bezeichneten Elemente der Lautsprecher. Die Struktur ihrer Muster hat auch ein Gegenstück in der Akustik: bringt man eine horizontal im Raum befindliche Metallfläche zum Schwingen, auf der vorher feiner Sand verteilt wurde, so verteilt sich der Sand je nach Schwingung in regelmäßiger Weise und bildet immer wieder neue Muster auf der Oberfläche, übertragen auf die Geflechte der Haare: Klanggewebe.

Wo die Bilder an sich im Gegensatz zur Musik den Vorteil der Permanenz haben - ist die Musik doch immer nur präsent zur Zeit ihrer Aufführung und nie in einem Moment überschaubar - deutet, fast als Kommentar zu den von Ralf Brög gewählten Bildmedien, eine letzte Grafik auch die Vergänglichkeit des Sichtbaren an. Die Grafik “Isolation-JBSC” zeigt unter Verwendung eines in der Reproduktion bearbeiteten Bildes aus dem 18. Jahrhundert einen jungen Mann, der eine Seifenblase bläst. Vergänglich ist dabei erstmal nur die Seifenblase und nicht das Bild, wenn auch am Ende der Zeiten auch dieses zu Grunde gehen muss. Während die Gestalt der Seifenblase mit dem Kreis ein Leitmotiv der Ausstellung anzustimmen scheint, erinnert sie auch an den bedeutenden Diskurs über die Grenzen und Möglichkeiten der verschiedenen Künste, denen Gotthold Ephraim Lessing seine bedeutende Schrift “Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie” gewidmet hat, eben zu jener Zeit, als auch das Vor-Bild dieser Grafik durch die Hand des Malers Chardin entstand. Und nicht nur zu einer solchen Reflektion über medialen Möglichkeiten und Grenzen bieten die in der Ausstellung versammelten Arbeiten von Ralf Brög Gelegenheit und Anlass. Dass bei aller Klarheit der Form gedankliche Spielräume bleiben erscheint als essenzielle Qualität.

Thomas W. Kuhn


Ralf Brög ‘Music’

Gathered under the generic title ‘Music’ at the Petra Rinck Galerie in Düsseldorf and on view from 4 September to 24 October, 2009 are current works by Ralf Brög (b. in Stuttgart in 1967). The works belong to highly diverse genres. Photographs, drawings, sculptures,  prints and a large-format mural painting all take up the intrinsically invisible cultural phenomenon of music which, in the exhibition, is not directly audible either. Brög’s is, in part, a site-specific, ‘orchestrated’ installation – a setting. Its focal point is a mural painting which can operate as an ideal metaphor for the absence of music per se in this exhibition context. The wall piece (untitled, 2009) consists of vertical and horizontal strips in black and graduated shades of grey which, based on an underlying module of a square, are wittingly offset in relation to one another and play on the sound-absorbing walls of recording studios and laboratories. Where, at those locations, cones and wedges dissipate and absorb sound, in this show it is the colour that reflects and swallows the light falling into the space – an effect which, seen from left to right, is reinforced illustratively by the lightest of the three bars being shaded by degrees with the admixture of black pigments.

Likewise mute and permanently silent are two boxes whose function as loudspeakers nonetheless becomes visible in the two membranes respectively inlaid in the fronts as well as in the jacks for the leads on the backs (MB Speaker, 2009). As a pair, with their finish in blue metallic enamel for the one and red for the other as might befit cars and motorcycles, they stand representative of the stereo technology which since the late 1950s has changed the way music disseminated and recorded by technological means has been perceived and made available a three-dimensional auditive experience. In fact this extension into space is part of the ground shared by music and works of visual art. There is also a more abstract parallel which can be observed particularly well in a specific distinction made in the German language. In the sphere of composing material things, a difference is made between applied and fine art (whereby the two speakers, given their function, might be seen here as having an affinity to applied art), and musical composition, too, falls into two areas – ‘light’ or ‘easy listening’ (‘U-Musik’) and ‘serious’ or classical (‘E-Musik)’. As for the speakers, their artistic use here may say ‘work of art’, but simultaneously they still represent an not denied proximity to design objects. Mentioning which, their geometric design acts as an innately apt reference to the connection between music and mathematics and in particular to the rules of harmonic proportion as explored and described since eons past and the Pythagoreans of classical antiquity. Harmonic sound and geometric bodies of regular form could and can be understood to various degrees as motifs of contemplation, and have been drawn upon to elicit that in architecture, sculpture and painting throughout history, either by physical presence or through treatment as a theme.

Just as trying to pigeon-hole the sculptures/speakers is fraught by ambivalence, Brög’s large-scale works confront the viewer with the problem of identifying the medium. The evidently enlarged images of records are in fact photographs, albeit wholly stripped of their three-dimensional aspect because of the chosen technical process of reproduction. On the other hand, the grooves – the depressions in the usually black vinyl or shellac disc, translated into sound by the record-player stylus – have been made peculiarly visible. Without hearing a single note of these recordings preserved in a mass medium about to disappear, their physicality, their being analogue, the movements of the music corresponding to the movements of the groove, make a guess at the musical structures a feasible proposition, at least in part. The 180 x 180 cm photograph, Forgive your friends, shows a record which plainly has only one recording on it, and that presumably of the greatest evenness since the pattern of movement in the grooves’ vibrations are consistently repetitive. One effect in this is also that certain musical structures imprint as spiral courses over the entire disc and so reproduce a form, the spiral, which has been associated with movement since the earliest expressions of human design – where, therefore, pictorial, more or less two-dimensional inscription conveys a time factor otherwise peculiar to decidedly time-based arts alone, such as music. So in this picture there is nothing to be heard, and yet there is an association of rhythm close at hand; and the rhythm’s presumed regularity will also be found where, in specific cultures, spiritual forms of trance constitute part of the way the world is experienced. While this form of trance has become current again during the past twenty years in techno music and the events celebrating it, Ralf Brög’s chosen form of picture, notably the centring of a perfectly circular object on a square ground, revives not so much explicitly as in passing, an archaic, if not to say archetypal set of pictorial forms such as found in the mandalas of Hinduism and Buddhism where they are used for meditative purposes.

As might be expected. the reproductions of entire albums which can be seen here are proportionately more complex. They are based on Purple Rain and Music, both pop recordings well-known enough to make it quite probable that the viewers of these pictures even remember well the specific music and will hear it in their minds.

Similar in compositional form and structurally just as minimalistic, coloured etchings accompany the works just described, formations once again centred on the centre of the picture and derived each from a single hair that was drawn from life and then reproduced many times over. Like the single line of the record from the run of which stylus and amplifier can reproduce sounds both of infinite variety and of the greatest simplicity, the one ‘cloned’ hair will outline now a Pentagon, now a Membran, a circular equivalent of elements known by these terms, in the speakers. The structure of their patterns also has its acoustic counterpart. If a metal surface placed horizontally in space and strewn with fine sand is made to vibrate, the sand will spread across the surface in a regular way that varies according to the vibrations, forming new patterns continually – translated to the mesh of hairs, fabrics of sound.

Pictures, in contrast to music, have the advantage of permanence, music being present only ever for the duration of its performance and never discernible in its entirety at a given moment; now, almost as a comment on the pictorial media selected by Brög, a final small scale work suggests the transience of the visible. – Using the processed reproduction of an eighteenth-century portrait, the photographic print, Isolation JBSC shows a young man blowing a soap bubble. Ephemerality pertains first of all to the soap bubble alone, not the picture, even if, at the end of time, that, too, must perish. While the circular form of the bubble seems to have found the whole exhibition’s leitmotif, it also recalls the notable debate on the limits and possibilities of the different arts to which Gotthold Ephraim Lessing dedicated his important essay, Laocoon: An Essay on the Limits of Painting and Poetry at the very time that the model for Brög’s work came about through the the painter, Chardin’s, hand. The works by Ralf Brög gathered in this show present an opportunity and grounds to resume such reflection on the potential and limits of media, but that is by no means all. That in all this lucidity of form, scope is there for thought and imagination, is a quality of the essence.

Thomas W. Kuhn




EXH.EM.0907 Un bar aux Folies-Bergére

Ralf Brög, kann man am ehesten als konzeptionellen Künstler beschreiben, der sich zwischen verschiedenen Materialien, Dimensionen und Sparten hin und her bewegt. Bei dieser Ausstellung, wie auch in vielen anderen seiner Arbeiten geht es einerseits um Malerei und andererseits um die spezifi sche Präsentation dieser selbst.

Hinter, oder neben der Farbfl äche liegt das Motiv. Hier ist es nicht mehr zu erkennen, vielleicht jedoch zu erahnen. Der Titel liefert Verweise für die Herkunft. Das hier als Grundlage dienende Motiv ist Eduard Manet´s “Un bar au Folies-Bergére”. Die Hinweise dafür sind dezent, sie sollen das Visuelle nicht überlagern. (nicht im Vordergrund stehen.) Das Motiv ist transformiert, übersetzt, vielleicht sogar zeitgemäß uminterpretiert worden. Die Schritte dahin gingen mittels Computer über Raster, und systematische Reduzierung hin zum gegenstandslosen Bild. Dieses Uminterpretieren eines Motivs der Kunstgeschichte, das von ihm ausgewählt wurde, weil es innerhalb der Kunstgeschichte eine Schlüsselstellung einnimmt und ihn lange schon beschäftigt zieht sich durch sehr viele Arbeiten, die in den letzten fünf Jahren entstanden sind.

Zwar genügen sich das Bild selbst, ist eigenständiges, vollständiges Objekt, jedoch wird der Galerieraum zum Anlass genommen das Format der Ausstellung, das Ausstellen von Objekten experimentell zu thematisieren/ in den Blickpunkt zu richten.

Durch die Bearbeitung zweier Wände und durch eine den Raum diagonal schneidende Bemalung des Bodens will uns der Künstler zum dynamischen Betrachten im Raum anregen. Die Idee für die Dynamisierung durch eine Diagonale bezieht er aus den bahnbrechenden Qualitäten des Bildes von Manet, das die Konvention des rechten Winkels und die Konvention des idealen Standpunktes in Frage stellt. Die in Manets “Un Bar aux Folies-Bergère” angelegte Diagonale (siehe auch Foucault “La peinture de Manet”) wird in der Ausstellung EXH_EM_0907, außerhalb der Bildfl äche in den Ausstellungsraum projiziert, wodurch die intuitive (also konventionierte) Positionierung des Betrachters innerhalb der Galerie und gegenüber dem Objekt in direkter, einfacher Weise irritiert wird und ein Ausprobieren und Rochieren gegenüber dem Objekt provoziert.